IV Band. 6. Heft.
JUustrirter Volks Novellist.
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kräftiges und gewandtes Wesen einleuchtete, sogleich angenommen. Und sie hatte diesen Schritt noch nie zu bereuen gehabt. Der neue Knecht war nicht von vielen Worten und gegen das übrige Gesinde beobachtete er eine Zurückhaltung, die manchmal etwas Stolzes an sich zu haben schien; aber wenn es galt, arbeitete er für Zwei und das schien ihm erst keine Mühe zu machen, obwohl er anfänglich Dieses und Jenes etwas linkisch zur Hand genommen hatte. Aus diesen Gründen mochten ihn des Kirchbauers auch nicht zudringlich über seine frühern Verhältnisse ausfragen; sein gemessenes Wesen hielt selbst die sonst leicht erregte Neugierde der Frauen im Zaume und Vreneli konnte sich eines unruhigen Herzklopfens nie erwehren, wenn es sah, wie Jörgs dunkle Augen oft lange, wie in Gedanken verloren, an ihm haften blieben. Das Mädchen äußerte anfänglich sogar zur Mutter, es sei ihm, als ob es den schwarzen Jörg fürchten müsse. Die verständige Frau jedoch erwiederte: „Wer mit den Thieren so schonend umgeht, wie er's thut, der ist nicht so leicht zu fürchten." Vreneli begriff die Richtigkeit dieser Beobachtung, und im Stillen suchte und fand es auch noch andere Gründe, warum es den immer schweigsamen, aber stets dienstfertigen und aufmerksamen Hausgenossen nicht zu fürchten habe. —
„Warst du im Dorf droben, Jörg?" fragte jetzt die Kirch- bäuerin, indem sie ihre Thränen mit der Schürze trocknete; „was redet man auch — muß es Krieg geben?" —
„Die Leute reden allerlei, wie sie es eben verstehen," antwortete der Gefragte, indem er näher zum Tische trat; „aber zum Kriege muß es allweg kommen — das habe ich längst erwartet. Drunten in Aarau sollen sie auch schon einen Freiheitsbaum aufgerichtet und dem Bern er Regimente den Gehorsam aufgekündigt haben."
„Allmächtige Güte," begann die Kirchbäuerin auf's Neue zu jammern, „was werden wir noch erleben müssen; wenn das der selige Vater unter dem Boden wüßte, daß der Ruedeli jetzt am Ende noch von den Franzosen erschossen werden soll! Wie gut ist es ihm gegangen, daß er hat sterben können! Und wenn die Franzosen erst ins Land kommen — man hört ja erschreckliche Geschichten, wie die Hausen. O du armes Vreneli!"
Jörg, der während dieser Klage dem jungen Kirchbauer das Gewehr aus der Hand genommen und es wie zur Probe mit einer raschen Bewegung in Anschlag gebracht hatte, ließ es nun langsam wieder sinken und seinen Blick auf dem Mädchen ruhen, das bleich, mit thränennassem Gesichte und die Hände wie zum stillen Gebete über die Brust gefaltet, unbeweglich am Tische saß; dann sagte er ruhig: „Frau Meisterin, so schrecklich wird die Sache wohl nicht werden wie Ihr sie Euch vorstellt; aber ich begreife, daß es Euch schwer fallen muß, den einzigen Sohn in den Krieg ziehen zu lassen, wo immerhin keiner weiß, ob und wie er wieder zurückkehrt. Soviel ich von unsern Einrichtungen kenne, hätte Euer Sohn vielleicht von diesem Aus- zuge befreit werden können, wenn rechtzeitig dazu gethan worden wäre. Jetzt freilich ist's zu spät und drum will ich Euch einen Vorschlag machen."
Im ganzen Hause hatte noch Keines den schwarzen Jörg, der sich gerne auf eine Frage und prompte Antwort beschränkte, in solcher Weise reden hören und drum schlug auch Vreneli die thränentrübeu Augen verwundert auf, obwohl es in seine düstern Gedanken versunken, die Worte kaum verstanden hatte.
„Einen Vorschlag?" fragte die Kirchbäuerin langsam; „was meinst du damit, Jörg?"
„Ich will für den jungen Meister ausrücken," erwiederte der Knecht, während er prüfend den Hahn des Gewehres auf- und niederzog; „die Uniform paßt mir schon, das weiß ich,
wir Beide würden sie selbst aus dem Zeughause von der gleichen Nummer bekommen haben. Nur das Gewehrschloß muß noch auseinandergelegt und frisch eingeölt werden; es geht zu hart und wird verstaubt oder gar angerostet sein."
Mit diesen Worten legte Jörg das Gewehr auf den Tisch und langte nach der Patrontasche, welche dem jungen Kirchbauer noch immer am Arme hing. „Gebt mir den Schraubenzieher und die Zange," sagte er; „Oel werdet Ihr auch noch im Fläschchen haben."
Der junge Kirchbauer »schaute ihn halb erwartungsvoll, halb verblüfft an; zog dann aber die Patrontasche wie abwehrend näher an sich. „Wo denkst du hin, Jörg," entgegnete er endlich; „wenn Einer als Ersatzmann für einen Andern ausrücken will, so muß er doch den Dienst verstehen und du hast ja selbst gesagt, du seiest dienstfrei."
„Freilich bin ich das," sagte Jörg mit einem eigenthümlichen Lächeln, „sonst könnte ich mich ja auch nicht für Euch anbieten. Ich wär selbst aufgeboten. Um alles Andere aber braucht Ihr Euch nicht weiter zu kümmern; Ihr dürst sicher sein, daß ich beim Bataillon gerne für Euch angenommen werde — ich habe den Obersten von Map schön gut gekannt, als er noch Hauptmann bei.den rothen Schweizern in Frankreich war. Gebt mir nur den Putzsack her -^ Ihr sollt gleich sehen, ob ich mit einem Gewehre umgehen kann."
Das Alles war in bescheidenem Tone, aber zugleich so bestimmt gesprochen, daß es fast wie ein Befehl klang und der junge Kirchbauer nicht mehr wußte, was er denken sollte. Die Aussicht von einem gefahrdrohenden Feldzuge befreit zu werden, vor dem sein ängstlich friedliches Wesen innerlich erzitterte, wenn er auch äußerlich sein Bangniß möglichst zu verbergen suchte, war zu schön und zu unerwartet gekommen, um sogleich daran glauben zu können; und doch kam ihm der Knecht, der bisher um Musterungen und Militärgeschichten sich kein Haar bekümmert zu haben schien, in diesem Augenblicke wie ein fertiger Offizier vor. So stramm und sicher stand er vor ihm. Sollte es ernst gemeint, sollte es möglich sein? —
Die Beantwortung dieser Fragen wurde ohne weitere Worte durch die Handtirung Jörgs am besten erleichtert. Er hatte die Patrontasche ergriffen und ehe sich der Kirchbauer es versah, war das Gewehr auseinandergelegt. So flink hatte er die Manipulation selbst von den bärbeißigen Jnstcuetoren noch nie ausführen sehen.
„Aha," sagte Jörg, dessen Gesicht bei diesem Geschäfte ein freudiger Ausdruck überflog; „scht, da liegt der Fehler; oie Schraube der kleinen Feder war zu stark angezogen, drum gab der Drücker so ungleich nach; das verdirbt aber den Schuß, sobald das Gewehr ein wenig warm wird."
„Ja, wo hast du denn das gelernt?" fragte der junge Kirchbauer zögernd, wenn schon freudig überrascht; „daß du damit viel besser umgehen kannst als ich, seh' ich wohl; nur hab' ich nie etwas gewußt davon."
„Oh," nickte der Knecht mit vergnügtem Lächeln; „die Sachen kenne ich sozusagen von Kindesbeinen auf; jetzt gebt mir die andern Stücke her — ob da nichts fehlt." —
Mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, die Jörg indessen überall auf den ersten Blick entdeckte und ebenso flink zurecht machte, war an der Ausrüstung Alles in Ordnung bis auf den letzten Kamaschenknopf. „So," sagte er endlich, indem er die Uniform über den Arm warf und das Gewehr ergriff, „jetzt will ich die Sachen auf meine Kammer tragen; unterdessen schreibt mir nur einen Schein, daß Ihr mich als Euern Ersatzmann stellet. Mit dem Papier kann ich dann gleich vor
