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Jllustrirter Volks-Novellist.
lV. Band. 6. Heft
dem Nachtessen noch zum Untervogt gehend, um Eure Unterschrift beiratrgen zu lassen.^Weiter ist nichts nöthig, denk ich."
Die Familie des Kirchbauern hatte dem Treiben des Knechtes in schweigender aber immer wachsender Verwunderung zugeschaut. Es war auch als ob er plötzlich ein ganz Anderer geworden sei. Der bisher so Wortkarge zeigte eine lebendige Redseligkeit, das sonst stets ernste, sogar finstere Gesicht leuchtete von innerer Freudigkeit, und das Gewehr schien er jetzt mit wahrer Inbrunst an sich zu drücken. „Also nur die paar Worte schreibt mir," rief er, indem er sich der Thüre zuwen- dete, „ich werde auf der Stelle wieder da sein!" —
Aber jetzt trat auch der junge Kirchbauer gegen die Thüre, um ihn zurückzuhalten. „Wart noch ein wenig, Jörg," sagte er mit unsicherer Stimme, so schnell geht die Sache denn doch nicht. Auch der Fall gesetzt, du wolltest wirklich für mich eintreten und würdest angenommen — so wären dabei immer noch andere Dinge zu bereden. Ich geh' nicht gern in den Krieg, es ist wahr; ich weiß wohl, ich tauge nicht recht dazu und dann ist's mir auck der Mutter und Vrenelis wegen; aber auch du wirst nicht um Nichts und wieder Nichts dein Leben für mich dran setzen wollen. So würd' ich's nie zugeben."
„Oh, was das anbetrifft," entgegnete Jörg rasch und mit einem zornigen Aufblitzen der großen schwarzen Augen, so hab' ich mit dieser eanaMe äe gloire, eommo — ja, mit denen hab ich noch eine eigene Rechnung abzumachen."
„Eben das mein ich," sagte der junge Kirchbauer, der weder den fremden Ausdruck noch den Sinn der »Worte Jörgs verstanden hatte, „wir müssen die Ersatzsumme vorerst feststellen. Sage nur, wie viel du verlangst, im Ganzen oder für den einzelnen Tag, während du im Dienste stehst."
„Nein, nein — nicht diese Rechnung lag mir im Sinne," entgegnete Jörg halblachend; „an die braucht Ihr gar nicht zu denken, Meister. Während ich im Felde steh', bezieh' ich eben Euren Sold; kehr' ich wohlbehalten zurück, so tret' ich wieder bei Euch ein, und follt es anders kommen — nun, ich habe weder Mutter noch Schwester mehr, die sich drum grämen würden. Macht mir nur den Ausweis bereit."
Die Nacht, die auf diesen Abend folgte wurde im Hause der Kirchbäuerin unruhig verbracht. Der Mutter zwar war mit der Hoffnung, daß ihr Ruedeli, wie sie den großgewachsenen Sohn noch immer nannte, nicht gegen die Franzosen in den Krieg ziehen müsse, die schwerste Last vom Herzen genommen; aber gerade weil ihr darin ein so unerwartetes Glück entgegentrat, bangte und zweifelte sie, ob diese Hoffnung sich erfüllen werde. Von nicht minderer, wenn, auch anderer Unruhe war der junge Kirchbauer erfüllt. Die Uniform hatte er bisher, selbst zu den harmlosen Musterungen nie gerne angezogen, und das rauhe Waffengeklirr ihm immer ein schmerzliches Unbehagen verursacht; aber jetzt sträubte sich doch ein angeborenes Ehr- und Pflichtgefühl gegen die Entziehung vor einer ernsten Kriegsthat. Galt es ja doch die Vertheidigung der Heimath, die ihm so lieb und theuer war, wie jedem Andern, der im Vollgefühl trotziger Kraft und persönlichen Muthes dem Feinde keck entgegenzog. Er fühlte zwar wohl, daß sein Ersatzmann im Nothfalle mehr leisten würde, als ihm selbst möglich wäre; aber wenn dieser auch von den Obern gerne angenommen werden sollte — was mochten die Leute im Dorfe von der Sache halten und sagen? „Jedenfalls gehe ich morgen bis zum Sammelplätze mit, schloß der Sohn der Kirchbäuerin diese unablässig hin- und hergehenden Zweifel- gedanken, damit ich je nach Umständen gleich zur Hand bin, um auch noch weiter zu gehen."
Und wie die Kirchbäuerin und ihr Sohn, so harrte auch deren Tochter dem Morgen schlaflos entgegen. Mit der Mutter war Vreneli freudig bewegt von der Aussicht, den lieben Bruder in so gefahrvollen Zeitläuften daheim behalten zu können; aber diese Freude wurde getrübt von einem Wirrwarr neuer Gedanken und Empfindungen, die mit Macht heran- drängten. Und wenn nun Jörg für den Bruder den Tod finden sollte? Das Mädchen fühlte bei dieser Vorstellung einen eiskalten Schauer über seine Glieder rieseln und doch war es nicht im Stande, sich von derselben loszumachen. Es mochte sich lange einzureden versuchen, daß Jörg ja nur ein Fremder, ein armer Knecht sei, der, wie er selbst gesagt, nicht viel zu verlieren habe auf dieser Welt — diese Einrede kam dem guten Mädchen bald wie eine Sünde vor. Es wußte nicht warum — aber der Gedanke wuchs stärker und stärker in ihm». Er zieht eigentlich mehr für dich als für den Bruder in den Krieg, und wenn er erschossen wird, so bist auch nur du schuld daran. Und barmherziger Himmel! — erschossen, oder auf eine noch schrecklichere Art um's Leben gebracht, wurde der treue, brave Mensch gewiß, das meinte Vreneli in der innersten Seele vorauszuempfinden. Es wußte nichts anderes mehr zu thun, als den Kopf in das Kissen zu drücken und dasselbe mit bittern Thränen zu benetzen.
Schon lange bevor der erste Tagesschein an den Himmel stieß, stand es in der Küche, um dem ins Feld Ziehenden das Morgenessen zu bereiten — das letzte, mußte es unwillkürlich immer leise vor sich hinsagen und dieser Gedanke preßte ihm von Neuem Thränen aus. Es war mit seinem Geschäfte, das ihm heute nicht aus der Hand gehen wollte noch nicht fertig, als es Jörg schon aus seiner Kammer herabkommen hörte. Jeder seiner Schritte klang ihm wie ein wehmuthsvoller Trauerton an's Ohr; aber als er mit einem freundlichen Morgengruß unter der Küchen- thüre erschien, konnte Vreneli einen lauten Ausruf der Ueber- raschung nicht unterdrücken. Im ersten Augenblicke meinte es auch, einen Fremden vor sich stehen zu sehen und rief deßwe- wegen, nachdem es ihn mit starren Augen angeschaut: „Um Gotteswillen — bist du es Jörg — ist es möglich!"
„Ich glaube fast, Ihr seid erschrocken vor mir," erwiederte er; „seh' ich denn so zum Erschrecken aus in dieser Uniform?"
„Nein, nein," antwortete Vreneli hastig, „nur größer kommst du mir vor als sonst, und — und — "
Es erröchete und schwieg, und gab auch keine Antwort, als Jörg lächelnd fragte: „Ja, wie komm ich Euch denn sonst noch vor?" — Zuerst hatte es sagen wollen: viel schöner; aber es empfand sogleich, daß es das nicht allein war. Nein, er erschien ihm wie ganz und gar umgewandelt, nicht nur größer und schöner, sondern noch etwas anderes, das sich nicht mit einem Worte sagen ließ. Ja, das war jetzt einmal ein Soldat, vom Fuße bis zum Wirbel, wie Vreneli in seinem Leben noch keinen gesehen hatte. Die Uniform, in welcher der Bruder immer wie zum Spaße verkleidet erschien, lag so stramm und glatt um Jörgs Glieder, als wäre er in dieselbe hineingewachsen und könnte kein anderes Kleid passend sein für ihn.
Vreneli konnte die noch thränenfeuchten Augen nicht von der stattlichen Gestalt abwenden und mußte sich leise nochmals wiederholen: Ist es möglich — das ist Jörg, der jetzt fast wie ein vornehmer Junker aussieht; aber zugleich kam auch der qualvolle Gedanke: Und wer weiß, vielleicht schon in wenigen Tagen liegt er unterm Boden, oder draußen auf dem blutigen Schlachtfelde, von den Hufen feindlicher Rosse zertreten.
Das Mädchen mußte sich abwenden, um die mit Gewalt hervorquellenden Thränen zu verbergen.
