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Ein Jahr später kam ein Brief nach Hamburg mit dem Poststempel: SanFrancisco. Er war ungeschickt zusammenge­brochen und adressirt an Frau Marie Rathmann bei Herrn- per. Herr Röper hatte die arme Frau und ihren Namen längst vergessen. Als sich Niemand zu dem Briefe meldete, öff­nete ihn Herr Rvper und ließ seinen Inhalt in den Zeitungen abdrucken, wo ihn viele Leute mit großem Interesse lasen, nur nicht die arme Marie, in deren Hände keine Zeitungen kamen. Der Brief lautete:

Samt Fraiizisknß, den 22. Sept. 1849.

Liebe Maria!

Da heute unser Hochzeitstag ist, habe ich versprochen, an dich zu denken und sende Dir Bericht. Mein Schreiben aus Bohia wirst du von 0er Lissabonschen Post richtig erhalten haben. Hat er nicht viel Postgeld gekostet? Der Koch sollte es für mich auslegen. Hier in Califonium geht es mir Gott sey Dank gut, der Nordamerikaner wollte mir das Stück Gold nicht geben, da bin ich weggegangen von den Schuft und verdiene hier als Makköhr in ein Koffeehaus mehr Geld als an Bort. Wenn die Regenszeit vorbei, da geh ich selbst in die Mien und hole mir ein Stück Gold für unsere kleine Dirn. Grüß Herr Röper, er soll unbesorgt seyn, ich hebe mein Verdienst gut auf, denn hier sind viel Diebe und SpitzbubenS. Wie gesagt, ich will bei Herr Röper schon Alles richtig machen. Wenn ich das Stück Gold klar habe, bann nehme ich Dienst auf Nijork und von da fahre ich auf Hamburg.

Dein Dich liebender Mann Heinrich Rathmann.

Wieder war bald ein Jahr vergangen, da trat eines Mor­gens in das Comptoir deS Herrn Röper ein Matrose, den Hut in der Hand, mit vollgestopften Taschen.

Nehmen Sie nicht für ungut, Herr Röper, sagte er, ich finde meine Frau nicht, es wohnen andere Leute in unserer Wohnung, die nichts mehr von ihr wissen. Sie hat doch ge­wiß bei Ihnen meinen Gruß bestellt?

I, sieh da, sagte Herr Röper, Sie sind gewiß Heinrich Rathmann?

Ja, der bin ich, Herr Röper, Sie kennen mich doch gleich wieder. Ich kam gerade an Bord, als Sie Kapitain Meyer Adieu sagten. Aber der hat mich nicht reell behandelt, Herr Röper. Ich habe nichts Unrechtes gesagt.

Nun Rathmann, fiel Herr Röper ein, beruhigen Sie sich, der alte Meyer steht vor Gott, der Brasilianer ist geblieben.

Was Sie sagen, Herr Röper, o da thut mir'S doch leid,

er hatte schöne Fracht. Ist er auf der Her- oder der Rücktour geblieben?

Auf der Fahrt von Bahia nach Lissabon, Rathmann, das Schiff war versichert, die Ladung war nicht mein.

Nun Gott sei Dank, Herr Röper, baß das Schiff ver­sichert war, aber um den alten Meyer thut es mir nun doch leid und um den Steuermann und den Koch. Haben Sie nichts vom Koch gehört, Herr Röper?

Nein, Rathmann, Sie sind der erste, den ich von der gan­zen Mannschaft wiedersehe.

Na, da ist mein Brief wohl mit dem Koch untergegangen, da hat meine Frau wohl gedacht, baß ich auch mit versoffen bin. Aber wie Sie sehen, Herr Röper, ich bin Gott sei Dank noch gut zu Wege. Hat denn meine Frau sich kein Geld von Ihnen ausgebeten, Herr Röper?

Ja, Rathmann, es sind derzeit öfter mehrere Frauen zu mir gekommen, nur haben gethan, was in unsern Kräften stand.

Ich werde Alles richtig machen, Herr Röper. Ich hatte keinen Lohn mehr zu bekommen, der alte Meyer hat mich in Bahia ausbezahlt. Was bin ich schuldig?

Ja, lieber Rathmann, das haben wir nicht aufgeschrieben, es kamen, wie gesagt, immer mehrere Frauen, da weiß ich nicht, was eine jede bekommen, an's Wiederkriegen haben wir nicht gedacht.

Nun seyn Sie unbesorgt, Herr Röper, meine Frau ist ge­nau, die wirb es schon aufnotirt haben. Aber wo wohnt sie denn jetzt eigentlich, Herr Röper? Sie haben ihr doch meinen Brief zukommen lassen?

Nein, lieber Rathmann, das ist eS ja eben. Sehen Sie, Ihr Brief liegt noch hier, wir haben ihre Frau nicht auffinden können, sie muß nicht mehr in Hamburg seyn.

Ja, da haben Sie Recht, Herr Röper, sie wird zu ihrer Mutter gegangen seyn. Zum Glück weiß ich, in welchem Ort die wohnt, na, da muß ich gleich hin, den Brief geben Sie mir nur mit. Aber mein Geld laß ich hier bei Ihnen, Herr Röper, das ist zu schwer zu tragen. Ich habe lauter spanische Thaler mitgebracht, Herr Röper, die nimmt man überall, sagte er, seine Taschen ausleerend. Aber mein Gold nehme ich mit, daS ist für meine kleine Dirne. Sehen Sie, Herr Röper, das ist ächtes californisches Gold, zwar nicht, wie ich meinte, in einem Stück, das findet man sehr selten, aber es sind viele kleine Körner, wie Sie sehen, und es ist ächtes Gold. Nachher sind Sie wohl so gut, Herr Röper, und lassen mir Louisd'or daraus machen.

Gern, gern, lieber Rathmann, da kommen sie ja als reicher Mann zurück, sagte Herr Röper.

Nun, es geht wohl an, Herr Röper, aber meine Frau wird es auch nöthig haben. Ja, wollen Sie mir gleich ein Paar spanische Thaler in Mark und Schillinge umwechseln, Herr Rö­per? Man muß doch unterwegs etwas verzehren. Was schrei­ben wir denn heute, Herr Röper?

Den 20sten September.

Was Sie sagen, Herr Röper, da ist ja übermorgen mein Hochzeitstag, na, da muß ich zumachen. Also, Herr Röper, he­ben Sie mir die spanischen Thaler auf, die andere Woche komme ich mit meiner Frau her und mache Alles richtig. Und wenn was vorfällt, Herr Röper, denken Sie an mich, wenn der alte Meyer noch lebte, er könnte nichts gegen mich sagen, Sie wissen, Herr Röper, ein Matrose kann nicht lange still liegen.

Damit ging er hinaus auf den Ort zu, wo seine Schwie­germutter wohnte. Diese hatte er nie gesehen, wußte nicht ein­mal ihren Namen, Marie hatte in Hamburg gedient und er hatte sie geheirathet, ohne mehr zu wissen als ihren Vornamen und ihren Geburtsort, und daß sie dort noch eine Mutter am Leben habe. Den nächsten Tag kam er in der kleinen Stadt an, da wußte aber Niemand von seiner Frau, wie viel er auch fragte, endlich kam er auf einen guten Gedanken, wie er meinte.

War nicht morgen sein Hochzeitstag? Hatte Marie ihm nicht versprochen, den jedes Mal zu feiern. Gewiß that sie das noch, wenn sie ihn auch für todt hielt, gewiß kaufte sie dazu Blumen unv er sah in der ganzen Stadt nur zwei Blumenver- käuferinnen. Gewiß kam sie dorthin, um Blumen zu kaufen und er mußte sie dort sehen, wenn er sich in der Nähe hielt.

Geduldig wartete er mehrere Stunden, da kam eine Frau mit einem kleinen Mädchen unv kaufte Aepfel. War das Marie? War denn seine kleine Tochter schon so groß geworden? Er ging langsam näher, während die Frau noch einen Blumenstrauß aussuchte. Ja, das war Marie, sie trug ja um den Hals daS kleine Bernsteinherz, welches er ihr alS Bräutigam geschenkt. Er konnte nicht gleich sprechen, er stützte sich einen Augenblick auf den Stuhl der Verkäuferin.

Da ward Marie seiner ansichtig, ängstlich starrte sie auf ihn, war das nicht ihr verstorbener Mann? Heinrich las den Gedanken in ihren Augen.

Ich bin noch am Leben, Marie, sagte er zu ihr vorgehend, ich komme doch jetzt mal zum Hochzeitstage nach Hause. Gieb mir nur die Hand. Ist denn daS die kleine Dirne damals in der Wiege? Dann konnten beide eine Zeit lang vor Thrä­nen nicht weiter sprechen und auch unsere Geschichte schweigt.