Wie, er ist krank? sagte Friedericke erschrocken, davon hat er ja nie Etwas geschrieben.

Ja, er schreibt nur, wenn er sich ganz wohl fühlt, was soll ich die Schwestern beunruhigen, denkt er, die können mir ja doch nicht helfen.

O vielleicht doch, sagte Friedericke ganz ernst, wenn er treu und gut gepflegt würde. Ach krank zu seyn allein unter frem­den Leuten-und sie begann zu weinen.

Nun, es ist ja noch nicht so arg, sagte der Fremde, wei­nen Sie nicht, liebes Kind, in Petersburg sind die meisten Leute häufig krank. Das ist dort nichts Ungewöhnliches, das kommt vom Klima.

Friedericke weinte nur heftiger. Nein, er muß fort von dort, sagte sie oder ich muß hin, er soll nicht umkommen unter all den fremden und kranken Leuten und damit ging sie weinend hinaus.

O weh, da habe ich etwas Schönes angerichtet, sagte der Fremde zu Johanna, die ebenfalls betroffen und traurig da saß. Auf Wiedersehn, Frau Paulsen, das muß ich schnell wieder gut machen.

Friedericke hatte sich vor die Thür an ihr Spinnrad gesetzt, auch Johanna nahm eine Näharbeit und setzte sich in'S Fenster zu der Schwester. Ach der arme Hermann, sagte sie, was hilft ihm nun all sein Reichthum?

Es geht nicht mit dem Spinnen, sagte Friedericke sich zu ihr kehrend, es geht mir arg in der Seele herum. Johanna, eS kann nicht anders seyn, liebe Schwester, ich muß zu Her­mann nach Petersburg.

Und auch krank werden? sagte Johanna. O warum ist er nicht hier bei uns geblieben?

8

Ich überrede ihn herzukommen, Johanna, gewiß wird er mir nachgeben, gewiß wird er herkommen-

Er ist schon da, sagte plötzlich eine Männerstimme und der fremde Herr mit noch einem andern stand vor ihnen.

Ich bin ja schon da, wiederholte der Neuangekommene, ich bin ja Hermann, Euer Bruder.

Und du bist nicht krank? rief Friedericke an seinen Hals fliegend.

Nein, nein, ich war nur etwas angegriffen von der See­reise und der Seekrankheit. Darum bat ich meinen Freund vor­auszugehen und euch aufzusuchen, doch nicht zu sagen, daß ich da sey, weil ich euch überraschen wollte.

Aber dein Freund hat uns recht erschreckt und uns er­zählt, du wärest immer krank,-sagte Johanna, die auch vor die Thüre geeilt war. Aber am Ende ist es doch wahr, du siehst blaß auS, mein lieber Bruder.

Ja, es ist nicht ganz unwahr, sagte Hermann, ich bin viel krank gewesen, besonders den letzten Winter. DaS böse Peters­burger Klima hat mir hart mitgespielt. Da haben mir nun die Aerzte eine Badereise verordnet, aber ich fühle mich schon ganz wohl wieder von der deutschen Luft und von eurem lieben Anblick.

Ach wie wird Paulsen sich freuen! Du bleibst doch recht lange hier? fragte Johanna.

Ich denke wohl, laßt mich nur erst zur Besinnung kommen.

Ich muß mich aber wohl so schnell wie möglich wieder davon machen, sagte Hermann's Freund auf Friedericke blickend, der noch immer Thränen in den Augen standen.

Ach nein, nein, lieber Herr, sprach diese, ihm die Hand reichend, ich weine jetzt nur noch vor Freude.

Am Abend kam Paulsen vom Fischen nach Hause, die Freude der guten Menschen war unbeschreiblich. Paulsen holte gleich den besten Fisch aus seinem Kahne: Johanna den koche für heute Abend, sagte er. Hermann und sein Freund fühlten sich überglücklich unter diesen treuen guten Menschen.

Mehrere Wochen waren so vergangen. Wann gehst du aber nun eigentlich in's Bad? fragte der Freund eines Mor­gens Hermann, als sie zusammen zu den Schwestern gingen.

Ach, was soll ich noch im Bade, Bruder, sagte dieser, ich bin schon wieder ganz gesund. Ich will dir etwas sagen: Reise zurück nach Petersburg und verkaufe auf der Stelle mein Haus und mein Geschäft, ich habe hier im Dorfe ein hübsches Land­haus gefunden mit einem großen Garten. Paulsen sagt, der Garten ernährt einen Mann über und über, der verstorbene Be­sitzer hat sich ein hübsches Vermögen daraus gezogen und das Haus fast ganz auS dem Ertrag des Gartens aufgebaut. Die Erben wollen Haus und Garten verkaufen. Ich will Beides an mich bringen und bei meinen Schwestern bleiben.

Und was soll auS mir werden? fragte der Freund. Wir haben so lange als Brüder zusammen gelebt, wie soll ich's in Petersburg ohne dich aushalten?

Ja, das ist wahr, mein guter Bruder, du würdest mir überall fehlen. Komm zurück hierher, wenn du meine Besitz- thümer verkauft hast und hilf mir hier meinen Garten bebauen. DaS Landhaus hat Platz für uns beide.

Der Freund schlug ein und reiste bald darauf ab. Im Herbste kam er zurück, Hermann wohnte schon in seinem Land­hause und sah roth und frisch aus. Er zog heiteren Muthes zu ihm ein und heirathete späterhin Friedericke. Er, so wie Hermann haben nie ihren Entschluß bereut.