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Schläge brachten mich nicht um. Auch hatte ich Glück mit dem Sammeln; wenn ich tanzte und dazu das Tambourin schlug, da sagten die Leute immer in ihrer breiten deutschen Sprache: ach, welch' ein hübscher Junge und gaben mir kleine Geldstücke, von denen ich dann beim Zuhausegehn noch meinen Kameraden, die weniger eingenommen, einige abgeben konnte.
Zuletzt kamen wir in eine große Stadt, welche Berlin heißt, schöne Häuser hat, breite Straßen und sehr viele Soldaten. — Dort blieben wir mehrere Monate bis in den Winter hinein. Da ist es bitter kalt im Winter, aber wir mußten jeden Tag in die Straßen hinaus. Zuletzt hieß es, wir würden nun noch weiter nach Norden wandern, wo es immer kälter werde. Unsere Herren hatten ja warme Rocke und um unser Frieren kümmerte sich Niemand.
Eines Tages stand ich so srierenv vor einem Hause, die Hände in den Taschen. Da kam ein Herr in einem warmen Pelze aus der Hausthür und redete mich Italienisch an. Er sprach aber das Italienische so, daß ich es nur mit Mühe verstehen konnte und meine Antworten verstand er auch nicht recht.
Späterhin erfuhr ich, daß die Deutschen ihren Stolz darin setzen, andere Sprachen zu sprechen, als ihre Muttersprache. Wer nur Deutsch versteht, gilt dort zu Lande für einen ungebildeten Menschen.
Trotz seines schlechten Italienisch hatte der Herr etwas sehr Gutmüthiges und Freundliches in seinem Wesen, doch sah er sehr blaß und elend aus.
Weil er so freundlich gegen mich war, faßte ich mir ein Herz und klagte ihm meine Noth und daß mich so friere in Berlin. Er nahm mich mitleidig mit in das Haus in ein prachtvolles warmes Zimmer und ließ mir zu essen geben. Dabei mußte ich ihm dann genau erzählen, wie und mit wem ich hierher gekommen sey.
Willst du fortgehen von diesen schlechten Leuten und bei mir bleiben ? fragte er mich.
Ach gar zu gern, lieber Herr und ich werde mir Mühe geben, bald Deutsch zu lernen, sagte ich.
Das ist nicht nöthig, war seine Antwort, im Gegentheil, du mußt immer Italienisch mit mir sprechen. Die Aerzte haben mir verordnet, meiner Gesundheit wegen nach Italien zu reisen und ich bemühe mich deshalb schon seit einem halben Jahre Italienisch zu lernen. Doch weil ich nicht täglich Uebung im Sprechen habe, so komme ich nicht recht damit vorwärts. Wenn ich gut sprechen kann, so reise ich nach Italien und nehme dich mit.
Wer war froher als ich. Der gute Herr kaufte mir gleich Kleider, wie man sie in Deutschland trägt und ging dann mit mir zu meinen bisherigen Herren, um ihnen meine bunten Kleider und das Tambourin zu übergeben.
Die schlechten Kerle waren außer sich vor Wuth und wollten mich nicht fortlassen, der deutsche Herr aber sagte ganz ruhig : Hier in Preußen muß ein jeder Mensch sich durch Papiere ausweisen. Haben Sie Papiere, die Ihre Rechte auf diesen und die andern Knaben beweisen ?
Da crschracken die Schufte und fürchteten wohl, daß er ihnen die andern Knaben auch fortnehmen mochte. — Augenblicklich wurden sie ungemein höflich und geschmeidig.
Wenn Sie uns diesen schlechten Jungen abnehmen wollen, so kann eö uns nur lieb seyn, sagte der eine, er hat unS so nichts verdient, sondern uns täglich bestohlen. Deshalb möchte ich Ihnen aber als ehrlicher Mann nicht rathen, diesen Spitzbuben zu nehmen, sondern lieber einen von den andern ehrlichen Knaben.
Ich will diesen, fuhr ihn der deutsche Herr an. Jetzt aber beweisen Sie, daß der Knabe Sie bestohlen. Aber sehen Sie wohl zu, daß Ihr Beweis klar ist, sonst kommen Sie hier bei uns in Preußen als Lügner und Verleumder ein Jahr in's Gefängniß.
Laß doch den Herrn thun, was er will, sagten erschrocken die andern Kerle. Nehmen Sie den Jungen in Gottes Namen, lieber Herr, wir behalten noch immer genug zu füttern.
Seelenvergnügt zog ich mit dem guten Herrn davon und es ging mir wohl in seinem Hause, wo ich Bedientendienste verrichtete. Dabei sprach er mit mir immer Italienisch. Ich
muß aber aufrichtig sagen, daß er sich nicht meine richtige, sondern baß ich mir seine falsche Ausdrucksweise angewöhnte, so daß man uns Beide nicht recht verstand, als wir ein Jahr darauf nach Italien reisten.
Aus Dankbarkeit suchte ich aber diesem guten Herrn zu nützen und aufmerksam zu dienen, wo und wie es mir möglich, so daß er fast keinen Augenblick ohne mich seyn konnte. Er war immer sehr krank und schwach und lag häufig Wochen lang im Bette.
In Italien blieben wir drei Jahre, aber auch die warme Luft bei uns machte ihn nicht gesund und er beschloß heimzukehren nach Berlin.
Zuvor besuchte er aber mit mir meine Eltern, die mich schon gar nicht mehr kannten. Einer der Kerle war wieder im Dorfe gewesen und hatte dem Vater gesagt, ich sey davon gelaufen.
Mein deutscher Herr beschenkte meinen Vater reichlich und dieser ließ mich gern wieder mit nach Berlin reisen, weil er außer mir noch Kinder genug hatte.
In Berlin pflegte ich meinen kranken Herrn getreulich noch zwei volle Jahre, in denen er immer elender und schwächer wurde, bis er zuletzt starb. Die heilige Jungfrau sey ihm gnädig und Gott mache ihn seelig!
In seinem Testamente hat er mir eine große Summe vermacht: 2000 Thaler, wie das dortige Geld heißt. Dieö Geld wurde mir ausbezahlt und ich wanderte damit zurück hierher, wo ich mir unser Gütchen kaufte und wo es uns ja so wohl geht, daß ich nicht fürchte, je meine Kinder schuftigen Herumtreibern übergeben zu müssen. Der zerlumpte Trunkenbold, welcher neulich bei uns bettelte, war einer von jenen Kerlen. Er kannte mich natürlich nicht mehr, aber ich kannte ihn gleich wieder und dachte, wie doch die Schlechtigkeit niemals Segen bringt.
Nun wißt ihr meine Geschichte und nun werft vaS Tambourin in's Feuer! Gott behüte meine Kinder vor dem Tambourin!

