110

seine Arme, drückte ihn an seine Brust und empfand ein Vergnügen, das ihm bis jetzt unbekannt geblieben war. Er wähnte, in die Herrlichkeit deS Himmels aufgenommen zu sein und Dortchen unter den Engeln zu sehen. Indeß kam Heinrich wieder zu sich und beim Erwachen aus seiner Ohnmacht fand er sich in seines Vaters Armen. Er konnte sich nicht besinnen, daß ihn sein Vater jemals in den Ar­men gehalten hatte. Seine ganze Seele wurde durchdrungen von diesem Beweise der väterlichen Liebe und Thräne» flössen über seine schneeweißen Wangen herab.Vater, habt Ihr mich lieb?" fragte er.

Noch nie hatte Wilhelm mit seinem Sohne gescherzt und getän­delt, daher stellte sich der Knabe seinen Vater nur als einen ernst­haften und strengen Mann vor, den er unbedingt fürchten und ver­ehren müsse. Wie groß war aber sein Erstaunen und seine Freude, als ihm der Vater auf seine obige Frage mit einem herzlichen:Ja, mein Sohn!" antwortete. Fast wäre er wieder ohnmächtig geworden und nur mit Mühe erhielt er sich auf den Füßen.

Komm," sagte Wilhelm,wir wollen ein wenig herum gehen."

Sie suchten nun gemeinsam das bei der Ohnmacht Heinrichs Heruntergefallene und von ihnen außer Acht gelassene Messer, konnten es aber nicht wieder finden; war gewiß zwischen den Steinen tief hinab gefallen. Sie suchten lange, aber sie fanden es nicht. Nie­mand war trauriger darüber, als Heinrich, wäre das Messer ihm doch ein liebes Andenken an seine gute Mutter gewesen; doch der Vater führte ihn fort und redete Folgendes mit ihm:

Mein Sohn! Du bist nun bald neun Jahre alt. Ich habe Dich gelehrt und unterrichtet, so gut ich gekonnt habe; Du hast nun auch bald so viel Verstand, daß ich noch Ernsteres mit Dir besprechen kann. Aber Du hast noch Vieles in der Welt vor Dir, und ich selber biir noch nicht alt. Aus unserer Kammer werden wir unser Leben jedenfalls nicht beschließen können, wir müssen vielmehr wieder