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Tisch ein Korb, gefüllt mit den herrlichsten Kirschen dieses Jahres, steht. Die Mutter hatte ihn kurz vor dem Esten hineingetragen, weil heut nach der Schlippermilch Kirschen ein verbotener Genuß den Kindern bleiben sollte.
„Sie wird doch nicht" — denkt ihr Vater; denn er weiß, daß Annelieschen Kirschen sehr gern ißt, und heut Abend zweimal vergebens darum gebeten hat! — Aber er bleibt still, rührt sich nicht und erwartet, was die Kleine thun wird. — Auf den Spitzen ihrer Zehen hebt sich Annelieschen, denn der Tisch mit dem Korbe darauf ist hoch und sie klein,
— streckt die Hand aus und greift nach den Kirschen, die im Mondlicht
»och schöner und größer als am Tage aussehen. — Schon hat sie ein
ganzes Päckchen, welches mit den Stielen zusammengewachsen ist, erfaßt,
da fällt ihr Blick durch's Fenster, durch das Fenster, wo sie so oft die
Sternenaugen, — des lieben Gottes Blick, wie der Papa gesagt, — suchte.
Die kleine Hand hält in ihrem Wege von dem Korbe zum Munde inne. Noch einen Blick, einen längeren, wirft das Kind nach den Himmelslichtern. Da zittert die Hand, und die Kirschen fallen wieder in den Korb zurück.
— Annelieschen senkt ihren Kopf, und leise verschwindet sie durch die Thür, wie sie gekommen. Der liebe Gott hatte sie angesehen.
Ihr Vater wußte es wohl, warum die Kleine den Abend über etwas stiller als gewöhnlich war, und als sie im Bettchen lag, immer noch einmal einen Kuß erbat, als sollte er sie entsühnen für die unrechte That, die sie begehen gewollt.
Nie hat der Vater seinem Kinde gesagt, daß er unfreiwilliger Zeuge ihrer Versuchung, ihres Kampfes und ihres Sieges war.
Er ließ sein Annelieschen bei dem Glauben: sie sei allein mit dem lieben Gott gewesen. War es doch auch Sein Blick, der sie beschützt hatte.
Adele v. Schkopx.
8. Die Posaune des Herichts.
Gar wunderbar und seltsam werden oft die Verhältnisse des Menschenlebens verknüpft. Das sind Knoten und Maschen, die keine Menschenhand, und sei sie noch so kunstgeübt, knüpfen kann; das sind Verwickelungen,

