Bewohner Asiens. Jndier. 129

So wie die Einen ihren Tod im Wasser suchen, und finden, find Andere bemüht, ihren Leichnam lebend der Mutter Erde zurückzugeben, indem sie sich lebendig begraben lassen. Auch sie werden von den Brahminen aufge­muntert, und da sie eine solche Narrheit vielleicht zum Theile deßhalb voll­bringen, um sich bei ihren Mitmenschen in den letzten Stunden ihres Le­bens Achtung, ja Bewunderung zu verschaffen, sieht man sie in der Regel sehr gefaßt und entschlossen, zum ernsten letzten Werke schreiten. Es wird ein Grab in den Boden gemacht, das tief genug ist, um den sich Opfernde» i» stehender Stellung aufzunehmen. Wie bei Hinrichtungen und ähnlichen grausigen Szenen die Menge von allen Seiten, um zu gaffen, herbeiströmt, findet auch in Indien bei diesem Falle dasselbe, wie bei ähnlichen Vorkomm­nissen in Europa, Statt. Bald nachdem der Mensch begraben, errichtet man ein starkes Mauerwerk über der Stelle, in welcher er für immer ruht, und frömmelnde, abergläubige Menschen wallfahrten an den Ort, und opfern Blumen daselbst.

Eine sehr alte Sitte Indiens ist es, daß die Frauen sich nach dem Tode ihres Mannes mit dem Leichnam lebendig verbrennen lassen, und es ist zuweilen schon vorgekommen, daß einige Frauen sich darüber mit einander gestritten haben, welcher von ihnen diese Ehre zu Theil werden solle. Ein Gesetz verbietet, daß eine Person, welche das sechszehnte Jahr noch nicht über­schritten hat, mit verbrannt werden darf. In der Regel sind die Frauen, welche diese Todesart wählen, schon bejahrt, und nicht selten in beklagens- werthen Umständen, so daß sie nach dem Tode ihrer Gatten ihren Ver­wandten zur Last fallen würden. Diese, oft schlecht genug, ihre Angehörige nicht unterstützen zu wollen, suchen das entsetzliche Vorhaben häufig nicht nur nicht zu verhindern, sondern sogar zu fördern, wozu ihnen die Brah­minen gern die Hand bieten.

Verbreitet sich die Kunde, daß eine Frau ihrem gestorbenen Manne auf den Scheiterhaufen folgen wolle, so ist sogleich die weibliche Bevölkerung in Bewegung, es wird ihr Bewunderung gezollt, und man betrachtet sie als eine Heilige. Angehörige und Bekannte, Geistliche und fremde Weiber suchen sie in ihrem Vorsätze zu bestärken, und wenden nicht selten betäu­bende Mittel an, um Nachdenken und Furcht vor dem Tode bei ihr z» zerstören. Am Begräßnißtage wird die Frau mit ihren besten Kleidern, Geschmeiden und Edelsteinen geschmückt, und in einem Palankine unmittel­bar hinter der Leiche ihres Mannes, in langsamem Schritte, an den Holzstoß getragen. Ehe sie denselben besteigt, wird sie von ihren Verwandten (ohne daß man sie entkleidet) gewaschen, und dreimal, von denselben geleitet, um K. F. V. Hoffm.inn's Völkerkunde. 9