99
Der Rosenstrauch und der Aasrnin.
Fabel.
A einem Park' als alte Nachbarn standen EincStrauch von Rosen, einet von Jasmin;
Im rothen Farbenfchmucke prangte herrlich . Dei Blumen allbeliebte Königinn,
Wiegen die bescheidne weiße Blüthe S^-nuckloser zwar, doch gleichen Balsamhauch Dar Lüften both, daher dcS Gartens Gäste B>ld zu dem einen wallten, bald zum andern Strauch.
Dr fing der Neid an schnell stch einzustellen,
U,d zwischen beyden Blumen keimte Groll und Streit.
»Ich bleibe Königinn« so rief die Rose,
»Mir ist's der man von jeher Ruhm verleiht.
»Mein Farbenkleid bezaubert jedes Auge,
»Mein Wohlgeruch, ihn jedermann erhebt;
»Ich bring' das ganze Jahr hindurch oft Blumen,
»Wo deine Blüthe kurze Zeit nur lebt,
»Wie wagst du doch dich stolz mir gleichzustellen!«
Die andre Blume sprach, vom gleichen Stolz verkehrt: »Nicht neid' ich dir den Duft und deine Farbe,
»Erkenn ich selber doch wieviel ich werth,
»Wie ich geschätzt vom Freund des wahren Schönen,
»Wie meine Klarhfit manchen wohl entzückt;
»Die Menge bloß, die BunteS pflegt zu lieben,
»Ist's, die dein bald verwelktes Roth berückt.«
7 "

