Avifauna von Hessen

Wir haben uns intensiv bemüht, für eine inhaltliche und qualitative Übereinstim­mung der einzelnen Artkapitel zu sorgen. Dennoch sind individuelle Erfahrungen und Neigungen der einzelnen Autoren an manchen Stellen erkennbar - und kommen, wie wir meinen, den Artkapiteln zugute. Mehr als in vergleichbaren früheren Arbeiten sind vielfach Zusammenfassungen zahlreicher Daten erfor­derlich. Der einzelne Beobachter kann in solchen Fällen nicht immer genannt werden. Dies ist sachlich unvermeidbar; dennoch bitten wir dafür um Verständnis.

Feldomithologische Daten werden oft notgedrungen ohne Zeugen gewonnen; sie lassen sich meist nicht mit greifbaren Belegen nachweisen. Dieser Umstand setzt ein hohes Maß an Selbstkritik und Zuverlässigkeit der Gewährsleute voraus. In Fällen, in denen Widersprüchlichkeiten eines Beobachters bekannt sind, erschien es geraten, seine Angaben unberücksichtigt zu lassen, falls sie nicht im einzelnen nachprüfbar sind. Dies erfordert auch die wissenschaftliche Zuverlässigkeit dieser Publikation für die Auswertung durch zukünftige Generationen.

Von einer Avifauna erwartet man heute zu Recht, daß sie einen geographisch­ökologischen Überblick über den behandelten Raum enthält. Wie jedermann weiß, hängt die Verbreitung der Vogelarten von naturräumlichen Gegebenheiten ab und kann erst vor diesem Hintergrund verstanden werden. Eine solche Darstellung war im ersten Anlauf aus Gründen der vorhandenen Arbeitskapazität nicht zu leisten. Einstweilen kann auf den entsprechenden, immer noch weithin gültigen Abschnitt bei Gebhardt & Sunkel (1954) hingewiesen werden. Einige Übersichtskarten sollen diese Darstellung ergänzen. Wir freuen uns, wenn sich Experten für eine Darstellung der derzeitigen ökologischen Gegebenheiten Hessens zur Verfügung stellen.

Die Vogelwelt eines Raumes ist ein dynamisches System. Selbst während eines Omithologenlebens sind beachtliche Veränderungen erkennbar: Einige Arten verschwinden als Brutvögel, andere treten neu auf; früher eher seltene Durchzügler werden häufiger, andere dagegen kaum noch festgestellt; früher eher mit Zweifel aufgenommene Beobachtungen werden aufgrund neuer Entwicklungen verständ­licher. Solche Veränderungen gehen zum Teil auf Vernichtung oder auch Neu­entstehung von Lebensräumen und andere menschliche Einflüsse zurück; zum Teil auf Ursachen, die wir nicht oder nur ansatzweise kennen. Es gibt genug Beispiele dafür, daß auch in der Vergangenheit ohne einschneidende Veränderungen der Landschaft und den Einsatz von Chemikalien erhebliche Bestandsschwankungen vorkamen. Will Naturschutz glaubwürdig sein, so müssen die Gründe für die Abnahme der Population einer Art mehr als bisher möglichst genau belegt werden. Dies ist ein wichtiges Thema für feldomithologische Untersuchungen.

Eine historische Betrachtung ist in der Feldomithologie unerläßlich. Sie erst führt in vielen Fällen zu richtigen Fragestellungen und zur begründeten Auswertung von Daten. Die früheren Arbeiten über Hessens Vogelwelt von Werner Sunkel (1926), Ludwig Gebhardt und Werner Sunkel (1954) sowie Gerhard Berg-Schlosser (1968) sind für Jüngere meist nur noch in Bibliotheken zugänglich. Dort enthaltene