Orn . Mitt . Nr . 9/1984
Was wissen wir vom Aufkipp - Gründeln der Schwäne ?
von Walther Thiede
Das ornithologische Wissen unserer Zeit ist vergleichbar dem breiten Unterlauf eines Stromes .
Es haben sich die Wassertropfen gewaltig vermehrt , das Wesentliche aber ist alles schon in
den Wassertropfen des schmaleren Oberlaufes da . Wir , die wir jetzt am breiten Unterlauf
wohnen , vernachlässigen allzu sehr , daß auch der Oberlauf uns die Wassertropfen erklärt hat .
Bei uns Deutschen haben zwei verlorene Weltkriege und die ihnen jeweils folgenden schweren
Nachkriegsjahre den Zugang zu Quelle und Oberlauf des nunmehr breiten Wissensstromes
verschüttet . Nicht zuletzt die alten Standardwerke sind in jenen zweimal 10 Jahren in großem
Umfang vernichtet worden , und ganze Ornithologen - Generationen haben danach ohne sie
auskommen müssen . So ist weder der Neue Naumann ( erschienen 1896 — 1905 ) noch der
Niethammer ( 1937 — 1942 ) je nachgedruckt worden , obwohl sich sicherlich auch heute noch
genügend Käufer für beide Werke fänden . Seit 1937 , d . h . seit 46 Jahren , leben wir ohne ein
neues deutschsprachiges Handbuch für Singvögel . Wer hat „ Niethammer “ Bd . 1 ?
Heutigentags kommt die enorme Inflation der ornithologischen Zeitschriften im In - und Aus¬
land hinzu , die nur von ganz Wenigen noch überblickt wird . Es gibt z . B . in der Bundesrepublik
Deutschland keine Bibliothek/Institut , die lückenlos die europäischen ornithologischen Zeit¬
schriften hat . Die Bestandslücken sind vielmehr beträchtlich .
So wundert es nicht , daß auch das Wissen um das Aufkipp - Gründeln der Schwäne verschüttet
ist . Es wissen nur jene , die in dafür günstigen Biotopen beobachten .
Der die Frage aufwerfende Beitrag von Bruns ( 1982 ) brachte uns die umfassende Antwort von
Reichholf ( 1983 ) , der man nicht viel hinzusetzen kann . Mich interessierten jedoch die Fragen ,
seii wann das Aufkipp - Gründeln beschrieben ist , bei welchen Arten es vorkommt und wo es
bisher beobachtet wurde .
1 . Seit wann ist das Aufkipp - Gründeln beschrieben ?
Die von Naumann u . Hennicke in Bruns ( 1982 ) zitierte Passage findet sich wörtlich schon im
Alten Naumann von 1842 , sie ist damit schon 142 Jahre alt . Im Vorspann zur Gattung Cygnus
( S . 436 ) schreibt er , daß Schwäne gründein :
„ Die meisten Nahrungsmittel angeln sie mittelst des langen Halses und , wo dieser nicht aus¬
reicht , durch gleichzeitiges Aufkippen des Rumpfes aus der Tiefe herauf . . . “ .
Audubon ( 1840 ) beschreibt das Aufkipp - Gründeln noch zwei Jahre früher für den nordameri¬
kanischen Trompeterschwan ( abgedruckt in Bent 1925 ) .
Übrigens fand ich in einem alten britischen Bestimmungsbuch von Sandars ( Erstauflage 1927 ;
im Nachdruck 1943 ) beim Höckerschwan den Satz : „ Up - end to feed “ ( „ aufkippend um zu
fressen “ ) . Im ethologischen Schrifttum ist das Thema von Poulsen ( 1948 ) nicht behandelt
worden , von Petzold ( 1974 ) jedoch für mehrere Arten .
2 . Von welchen Arten ist das Aufkipp - Gründeln bekannt ?
Nach dem „ Alten Naumann “ ( 1842 ) gründein derart sowohl der Höckerschwan ( Cygnus olor )
als auch der „ Gelbnasige Schwan “ ( seinerzeit unterschied Naumann noch nicht zwischen C .
cygnus und C . bewickii ) . Zuletzt haben Owen und Kear in Scott ( 1972 ) unter Auswertung der
Literatur das Thema ausführlich behandelt : alle Schwäne außer dem Coscorobaschwan ( Cos -
coroba coscoroba ) gründein aufkippend . Nach Petzold ( 1964 ) kann auch der Coscoroba¬
schwan aufkippen , wenn auch unvollkommen und mühsam .
3 . Wo und von wem ist bisher das Aufkipp - Gründeln der Schwäne beobachtet oder beschrie¬
ben worden ?
Ich beschränke mich auf die Nordhalbkugel und damit auf die dort vorkommenden 5 Arten
C . bewickii , buccinator , columbianus , cygnus , olor . Ich selbst habe derart gründelnde Höcker¬
schwäne in Norddeutschland , in Dänemark und in Südschweden gesehen und kenne ihr Auf¬
kipp - Gründeln seit meiner Jugend , d . h . etwa seit 1946 . In Japan sah ich gründelnde Sing¬
schwäne und Zwergschwäne .
Leihgabe
der Senckenbergischen Natur¬
forschenden Gesellschaft _
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