KLEINE MITTEILUNGEN
Waldschnepfe (Scolopax rusticola) trägt 7-tägiges Küken Im Flug fort
Am 27.5.1993 hatten meine Frau und ich im Nisthöhlen-Versuchsgebiet "Schnäbel" in der Nähe von Wolfsburg (nach einer ähnlichen Beobachtung äm 2.6.1992) folgendes Erlebnis:
Dicht neben uns flog aus lichtem (30-50 cm hohem) Himbeer-Grasgestrüpp plötzlich eine Waldschnepfe mit zwischen den Beinen gehaltenem Jungvogel auf und landete schon nach ca. 25 m schwerfälligen Fluges (nur etwa 1 m hoch) wieder auf dem mit zahlreichen Totholzästen übersäten Waldboden. Der weitere Verbleib des Alt- und mittransportierten Jungvogels blieb uns verborgen, da wir unsere Aufmerksamkeit einem nahe der Abflugstelle weinend herumlaufenden Küken zuwandten. Das Küken (Abb.) hatte eine Körpermasse von 70,6 g und dürfte - verglichen mit den von Lönnberg (1921) aufgeführten Werten - 7 Tage alt gewesen sein. Die Flügellänge betrug 55 mm und die Schnabellänge (ab Stirn) 29,8 mm (zur Jugendentwicklung vgl. O. & M. Heinroth 1927/28 mit Fototafel). Da Waldschnepfen in der Regel erst nach Ablage des letzten (meist 4.) Eies zu brüten beginnen (Glutz von Blotzheim, Bauer & Bezzel 7, 1977), ist anzunehmen, daß auch das abtransportierte Junge schon T Woche alt war.
In seiner Zusammenstellung über das "Forttragen junger noch flugunfähiger Vögel durch Altvögel" benennt Gerber (1965) 25 Vogelarten, von denen dieses Verhalten einwandfrei bezeugt wurde. Die meisten Beobachtungen beziehen sich auf die Waldschnepfe.
Nach Bettmann (1975) ist es schwierig, bei der Waldschnepfe "unter einigen hundert Berichten Dichtung und Wahrheit zu trennen"; und wahrscheinlich ist ein Teil der Beobachtungen auch auf eine Verwechslung mit dem "Verleiteflug" (Lowe 1972 mit Skizze) zurückzuführen (Glutz von Blotzheim, Bauer & Bezzel 7, 1977). Eine schon vor mehreren Jahrzehnten erfolgte Umfrage bei britischen Beobachtern (Alexander 1946) erbrachte, daß das im Flug abtransportierte Junge am häufigsten zwischen den Beinen bzw. zwischen Beinen und Brust gehalten wird (s. hierzu die Zeichnung von A. Thornburn in Shorten 1974), teils wird es aber auch mit den Füßen gepackt (z.B. Kumerloeve 1951). Preston (1929) berichtete als Ausnahme vom gleichzeitigen Transport von 2 Küken. Frisch geschlüpfte Junge können nach Steinfatt (1938) auch zu Fuß mit dem Schnabel transportiert werden. Über einen Lufttransport mit dem Schnabel (Haller 1945) wurde allerdings bislang wohl nur ein einziges Mal berichtet (Glutz von Blotzheim, Bauer & Bezzel 7, 1977).
Ob Jungvögel bei einer Störung aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich getragen werden oder nicht, dürfte u.a. vom Alter der Küken abhängen. Letzteres ist jedoch in den meisten Beobachtungsfällen nicht bekannt. Schäfer (1959) berichtete vom Forttragen eines offensichtlich schon recht großen Jungvogels: An der Abflugstelle fand er eine zweite Jungschnepfe "etwa so groß wie eine Misteldrossel und schon flugfähig, 3-4 m davonflattern, ohne den Boden zu berühren". Nach A. Koppel (in Graf Zedlitz 1925) setzt das Flugvermögen der Küken bereits im Alter von 9-10 Tagen (Körpermasse ca. 100 g) ein.
Literatur
Alexander, W.B. (1946): The Woodcock in the British Isles. Ibis 88: 1-24.
Bettmann, H. (1975): Die Waldschnepfe. 2 Aufl., München.
Gerber, R. (1965): Zum Forttragen junger noch flugunfähiger Vögel durch Altvögel. Beitr.z.Vogelkunde 10 : 352-361.
Glutz von Blotzheim, U.N., K.M. Bauer & E. Bezzel (7, 1977): Handbuch der Vögel Mitteleuropas, S. 122-174.
223

