Mitteilungen

des

Vereins sächsischer Ornithologen

im Auftrage des Vorstandes herausgegeben von Rud. Zimmermann, Dresden

2. Band Ausgegeben im Mai 1927 1. Heft

Die Entwickelung der Begriffe Art, Varietät, Unterart in der Ornithologie ¹ )

Von Erwin Stresemann

In den ersten beiden Dezennien des vergangenen Jahrhunderts suchten die Ornithologen die zahlreichen Abweichungen vom Typus LINNÉscher Arten, auf die sie bei der Vermehrung und Vertiefung ihrer Formenkenntnisse aufmerksam wurden, in weitgehendem Umfang als Varietäten zu deuten. Ihnen mochte wohl als Anhalts­punkt dafür, was Art und was Varietät sei, die Definition dienen, welche GEORGE CUVIER 1798 (im 3. Kapitel der Einleitung zum Tableau elementaire de l'Histoire Naturelle des Animaux") ge­geben hat. CUVIER führt dort aus:Wenn die Abkömmlinge eines organischen Körpers sich mehr oder weniger von der Gestalt ihrer Stammeltern entfernt haben, so sagt man, daß sie variiert haben (qu'ils ont varié"). Man hat bemerkt, daß die am meisten variablen Eigenschaften bei den organischen Körpern die Größe und die Farbe sind. Die erste hängt vorzüglich von der Menge der Nahrung ab, die zweite von dem Einflüsse des Lichtes und verschiedener anderer so verborgener Ursachen, daß sie oft bloß zufällig ver­schieden zu sein scheint. Indessen ist doch die Abänderung dieser beiden Eigenschaften gewissen Grenzen unterworfen, welche sich durch Beobachtung bestimmen lassen. Um zwei mehr oder weniger verschiedene Wesen nur als Varietäten einer Art anzuerkennen, ist es nötig, 1. daß die dieselben unterscheidenden Eigenschaften unter die Klasse derjenigen gehören, welche als variabel anerkannt sind. 2. daß Ursachen der Variation vorhanden seien. 3. daß sie durch Vermischung fruchtbare Individuen hervorbringen können. Zwei Wildformen (races sauvages") also, welche an demselben Orte unter dem gleichen Klima wohnen, ohne sich zu vermischen, und

¹ ) Geschrieben 1924.

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