— 2
ihre Verschiedenheiten immer beibehalten, sind als verschiedene Arten anzusehen, so klein die Verschiedenheit auch sein mag.
Im ornithologischen Abschnitt der „Zoographia Rosso-Asiatica", die der kenntnisreiche PALLES ein Jahr vor seinem Tode (1811) vollendete, begegnen wir dem Ausdruck varietas recht häufig. PALLAS beließ ihm den Doppelsinn, der ihm bei C UVIER a nhaftete, und bezeichnete damit seiner Meinung nach geringfügige morphologische Abänderungen des Typus, mochten dieselben nun ins Gebiet pathologischer Farbenstörung gehören oder durch Unterschiede „klimatischer" Einflüsse erklärt werden können. Einen wissenschaftlichen Namen fügte er seinen „Varietäten" nicht hinzu. Seine jüngeren Zeitgenossen aber, diejenigen zumal, welche die Vogelkunde zum Spezialstudium erhoben, schränkten den Gebrauch des Ausdruckes varietas mehr und mehr ein und gingen — unter Führung von CHRISTIAN LUDWIG BREHM (seit 1820) — dazu über, die von ihnen aufgefundenen Formen auch dann als vollwertige Spezies hinzustellen, wenn es nur sehr geringfügige Kennzeichen waren, an denen man sie von den nächstverwandten Formen unterscheiden konnte. Bei ihnen überwog das „Interesse an der Mannigfaltigkeit" (KANT), und einer ihrer Verteidiger hat im Jahre 1831 die Berechtigung dieser Richtung mit folgenden Worten zu begründen versucht: „Gegen die Unterordnung von Wesen, die sich durch constante, durch Generationen verfolgte Merkmale unterscheiden, unter andere Arten spricht . . die große Wahrscheinlichkeit, daß es am Ende nur Genera (Sippen) geben werde, in denen alle Arten zu unmerklich ineinander überfließen, daß nicht wohl mehr von einer Unterordnung die Rede seyn könnte . . . Durch Generationen zu verfolgende Abweichungen werden erst dann als Species zu gelten aufhören dürfen, wenn sich ihr Zurückfallen in den ursprünglichen Zustand, aus dem sie hervorgegangen zu seyn das Ansehen haben, nachweisen läßt"² ) .
Diese Wirkung rief sogleich eine sich ständig verstärkende Gegenwirkung hervor. Schon 1825 wies FRIEDRICH FABER darauf hin, daß „die von der Natur vom Anfange an gebildeten verschiedenen Artsformen" bei Ausdehnung ihres Verbreitungsgebietes einzelne Abänderungen in der Form und Farbe erlitten, „welche sich auf die sie umgebenden localen Gegenstände gründeten, das heißt, sie arteten klimatisch aus". Diese Racen seien es, welche mehrere Ornithologen jetzt als eigene Arten aufzustellen geneigt seien. „Wollten wir alle diese localen Abänderungen als ebenso viele ächte Arten aufnehmen, so würde zuletzt kein Natursystem alle diese Arten mehr fassen, kein Ornitholog sie ordnen, und kein Gedächtniss sie behalten können. Die Lehre von den Gesetzen für die geographische Ausbreitung der Vögel würde in ihrer Quelle verstopft, und die Wissenschaft selbst in ihrer Grundlage er-
²) F. BOIE, Isis (von OKEN) 1831, Spalte 539—540.
