Mitteilungen
des
Vereins sächsischer Ornithologen
im Auftrage des Vereins herausgegeben von Rud. Zimmermann, Dresden
3. Band Ausgegeben im Mai 1930 1. Heft
Aufgaben der Vogelzugsforschung von heute
Von E. Schüz, Vogelwarte Rossitten
In einer Zeit, da alle geistigen Werte und Bestrebungen einen harten Kampf gegen die Anforderungen der Wirtschaft zu kämpfen haben, ist es mehr als jemals nötig, wissenschaftliche Arbeit auf Bedeutung und Ertrag zu prüfen. In der Vogelzugsforschung haben wir besonderen Grund, damit Ernst zu machen. Ist doch immer die Gefahr, daß das anziehend Sportmäßige, das einem Teil der Arbeit des Vogelzugsforschers anhaftet, als Aufgabe selbst gedeutet wird. Die Oeffentlichkeit verfällt auf diese Meinung nur zu leicht, zum Schaden der Sache, die dadurch in ernsten Kreisen in falsches Ansehen kommt. Also gerade für uns gilt es, streng das Ziel vor Augen zu haben.
Für den Systematiker sind die Zeiten vorbei, da das Entdecken und Beschreiben neuer Formen als Hauptaufgabe in den Vordergrund trat. Man strebt nicht mehr, die Arten zu vermehren, sondern sie zu vermindern, Mutanten und zufällige oder krankhafte Abänderungen richtig einzuschätzen, die geographischen Rassen zu Formen- oder zu Rassenkreisen zusammenzuschliefsen — und vor allem hinter die Regeln dieser Bildungen zu kommen und das Formenbild von heute geschichtlich und durch die Umweltsverhältnisse zu erklären. „Das Programm des Forschers lautet: Sammeln, Bestimmen, Ordnen, Begreifen" — läfst O. KLEIN- SCHMIDT (Aquila 8) den Geologen OCHSENIUS sprechen; ein Wort, das den Arbeitsgang und die Entwicklung unserer Forschung gut kennzeichnet.
Obwohl die Tätigkeit des Vogelzugsforschers sich nur sehr bedingt mit der des Systematikers vergleichen läßt, so scheint es doch, als ob er hinsichtlich der vorbereitenden Kleinarbeit hinter dem letzteren zurückstände. Es gilt ja zunächst, die sichtbaren
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