Zum Vorkommen des Grauspechts (Picus canus) in der Türkei

Obwohl es bei Hartert (p. 895) über die Verbreitung heißtIn Südost-Europa durch . .. Rumänien und Bulgarien bis Konstantinopel (fehlt in Griechenland, Kleinasien.. .)", reicht bei Voous (1962) sowie bei Peterson, Mountfort & Hollom (1954/69) dasBrut- gebiet nur bis Bulgarien, und Vaurie (1965) nennt als Strichgebiete (wanders so some extent after the breeding season") zwar u. a.probably" den Kaukaus, aber nicht die Türkei. Dabei hatten aber bereits nach der Mitte des 19. Jahrhunderts Robson (vgl. Krüper & Hartlaub 1875) und um 1889/94 Mathey-Dupraz die Art am Bosporus bzw. in anstehendem Laubholz und Mischwald angetroffen worauf zweifellos Harterts Angabe fußt, und im August/Oktober 1934 konnten Rössner & Koller (vgl. Röss- ner 1935) im nordanatolischen Hügel- und Bergwald bei Bolu mehrfach Grauspechte nachweisen und für das Wiener Naturhistorische Museum 4 Belegstücke sammeln.

Voous hat diese als Brutvögel aufgefaßt und deshalb auf seiner Verbreitungskarte (Nr. 242) in Nordanatolien ein kleines isoliertes Brutareal eingetragen. Eine schlüssige Bestätigung fehlt allerdings, zumal die Art seitdem aus Kleinasien nicht wieder (be­kannt geworden ist.

Hingegen liegen noch einige wenige Feststellungen aus Türkisch-Thrazien bzw. aus dem Bosporusraume vor: je 1 ♂u nd 1Constantinople 18. 2.1910", Flügel 146 bzw. 144 mm, leg.? (Collection R. Meinertzhagen) sowie 1 ♀Belgrat Ormani (Belgrader Wald) bei Büyükdere nördlich Istanbul, 15.5. 1949 (Lehrsammlung Zoologi Kürsüsü Istanbul). Läßt bereits das Mitte Mai-Datum sehr in dem Sinne aufmerken, daß es sich hierbei um keinen Strichvogel gehandelt haben kann, so verstärkt folgende kürz­liche Beobachtung den (was die europäische Türkei anbetrifft) starken Brutverdacht:

Am 23. 4. 1969 bemerkte der Jüngere von uns (E. H. zusammen mit Helga H.) am rech­ten Ufer des Büyük Bend, einem Stausee des Belgnat Ormani, in Mischwald (Fagus, Quercus etc.) über längere Zeit zwei Grauspechte, an deren Identität und Paarbin­dung bzw. -verhalten keinerlei Zweifel bestand. Offenbar besteht also Harterts Hin­weis auf den Raum von Istanbul zu Recht, obwohl sichere Brutnachweise noch aus­stehen, zumal hier die Art zweifellos als selten bis sehr selten angesehen werden muß. Ob sich ostwärts in Nordanatolien lokale Brutvorkommen anschließen, die bisher ganz isolierten Feststellungen bei Bolu in größeren Zusammenhang stellend, sollte nicht weniger Gegenstand einer (vielleicht lohnenden) Untersuchung sein.

Literaturhinweise:

Hartert, E. (1910/22): Die Vögel der paläarktischen Fauna. Bd. II. Berlin.

Krüper, Th. & G. Hartlaub (1875): Zeiten des Gehens und Kommens und des Brü­tens der Vögel in Griechenland und Jonien. Griech. Jahreszeiten 3, 153330.

Kumerloeve, H. (1962): Zur Kenntnis der Avifaua Kleinasiens. Bonner Zool. Beitr. 12, Sonderheft 1961, 318 pp.

Mathey-Dupraz, A. (1920/23, 1925): Notes ornithologiques de la region du Bosphore. Observations ornithologiques de la region du Bosphore. Ornith. Beobachter vol. 1720,22.

Peterson, R., G. Mountfort & P. A. D. Hollom (1954/69): Die Vögel Europas. Hamburg.

Rössner, H. (1935): Die Vogelsammlung der österreichischen Kleinasien-Expedition 1934. Sitz.-Ber. Akad. Wiss. Wien, Math.-Naturwiss. Kl. 144, 299-312.

Vaurie, Ch. (1965): The birds fo the Palearctic fauna. Non-Passeriformes, London. Voous, K. H. (1962): Die Vogelwelt Europas und ihre Verbreitung. Hamburg .

Dr. Hans Kumerloeve, München, und Edgar Hirzel, Istanbul

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