Extrem hoher Neststand des Turmfalken (Falco tinnunculus)
Scherner berichtet über einen Turmfalken hörst in Wolfsburg-Detmerode in 74 m Höhe. Wenn
sicherlich diese Höhe auch nicht häufig vorkommen wird, so glaube ich doch nicht, daß sie
so extrem ist; sie wird vielleicht nur weniger beachtet. Wie die im folgenden beschriebene Brut
eines Turmfalken in Bielefeld in 89 m Höhe beweist, könnte sicherlich mancher Turmfalke
durch Anbringen von Brutkästen an den in sehr vielen Großsätdten ins Kraut schießenden
Hochhäusern angesiedelt werden.
Beim Bau des Fernmeldehochhauses am Kesselbrink in Bielefeld durch die Bundespost habe
ich 1971 die Anregung gegeben, einen Brutkasten anzubringen. Noch bevor ich Hinweise
über Größe und Anbringungsort gab, war in 89 m Höhe unter der obersten Plattform für die
Richtantennen ein Kasten aus Beton angebracht. Im Jahre 1972 wurden Gewölle gefunden
und mehrfach Turmfalken um das Gebäude fliegend beobachtet. Eine Brut fand nicht statt,
und ich vermutete, daß der Betonkasten in seiner exponierten Lage den Vögeln nicht zu¬
gesagt hatte. Die Unmöglichkeit, an diesem Kasten je Kontrollen und Beringungen durch¬
zuführen, veranlaßte mich, der Bundespost zu raten, am Mittelschaft des Gebäudes einen
zweiten Brutkasten mit größeren Maßen aus Holz anzubringen.
1973 hat in dem zuerst angebrachten Betonkasten erfolgreich ein Turmfalkenpaar gebrütet.
Die genaue Zahl der ausgeflogenen Jungen konnte leider nicht beobachtet werden.
Der von Scherner beobachtete „Schaukelflug" ist sicherlich durch die geringe Entfernung
zwischen Horst und Jagdgebiet von ca. 300 m bedingt. Die am Fernmeldehochhaus in Biele¬
feld brütenden Turmfalken hatten ihr Jagdgebiet mindestens 1,5 km entfernt und sind immer
nur im direkten Steigeanflug auf den Horst beobachtet worden.
Wenn Scherner allerdings Niethammer zitiert, daß Turmfalken „hoch bis sehr hoch (12 bis
20 m) in baumarmen Gegenden aber auch viel niedriger" bauen, dann kann das bei seinem
Gebäudehorst nicht als Beweis dafür herangezogen werden, daß der Horst in Wolfsburg-
Detmerode in 74 m Höhe nun so außerordentlich extrem hoch sei. Das Zitat ist nämlich völlig
aus dem Zusammenhang gerissen, und es müßte vollständig so zitiert werden: „Brutplatz
sehr vielgestaltig: Vielerorts Baumhorste von Krähen, Elstern, Raubvögeln und Tauben, hin
und wieder auch Eichhörnchen-Nester, Horst hoch bis sehr hoch (12 bis 20 m), in baum¬
armen Gegenden aber auch viel niedriger in Weiden oder Buchengebüsch u. a. (Emeis)."
Daraus geht eindeutig hervor, daß Niethammer mit seiner Angabe nur Baumhorste meinte,
die auch von Rockenbauch in einer Höhe zwischen 5 und 23 m festgestellt wurden mit einer
durchschnittlichen Nisthöhe von 13 m. Zur Höhe von Gebäudehorsten äußern sich Niethammer
und Rockenbauch nicht; auch Glutz von Blotzheim, Bauer u. Bezzel geben weder zu Gebäude-
noch zu Baumhorsten Höhenangaben.
Es fehlten 1938 weitgehend so hohe Profanbauten, und an Kirchtürmen gab es — wenn
überhaupt — fast immer in geringeren Höhen schon ausreichend Horstplätze. Die durch¬
schnittliche Horsthöhe von 9 von mir erfaßten Kirchturmhorsten beträgt 32 m.
Daß die Verstädterung des Turmfalken erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt einsetzt,
geht m. E. daraus hervor, daß ältere Literatur überwiegend und an erster Stelle über Baum¬
horste berichtet und die Gebäudebruten erst an zweiter Stelle und sehr viel kürzer abhandelt.
Bei 21 Gebäudehorsten zwischen 4,5 und 89 m habe ich eine Durchschnittshöhe von 26,6 m
festgestellt. Wenn ich 3 extrem niedrige bzw. hohe Horste (4,5 m, 7 m, 89 m) nicht berück¬
sichtige, komme ich auf eine Durchschnittshöhe von 25,5 m. Es bleibt abzuwarten, ob sich
diese Höhe auch bei größerem Material als Durchschnittshöhe ergeben wird.
Literatur
Glutz von Blotzheim, Bauer u. Bezzel (4, 1971): Handbuch der Vögel Mittel¬
europas
Niethammer, G. (1938): Handbuch der deutschen Vogelkunde. 2. Leipzig. (Akad. Verl.-
Ges.), p. 166-172
Rockenbauch, D. (1968): Zur Brutbiologie des Turmfalken (Falco tinnunculus L.).
Anzeiger der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, Band 8, Nr. 3, p. 267—276
Scherner, E. R. (1973): Extrem hoher Neststand des Turmfalken (Falco tinnunculus). Orn.
Mitt. 25, p 29
Hilmar Hasenclever, D 48 Bielefeld, Zimmerstraße 20
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