Ungewöhnliche hellschwingige Großmöwe in Büsum/Schl.-Holst.
von Peter Gloe, Meldorf
Im Hafengelände von Büsum (Westküste von Schleswig-Holstein) stand am 1. Februar 1981
unter etwa 200 Silbermöwen (Larus argentatus) eine inmitten dieser graurückigen Vögel auf
Distanz schneeweiß wirkende Großmöwe (M. Bülow; Verf. Abb. 1). Auch im Fluge (Abb. 3) fiel
sie durch eine sehr helle Färbung von gesamter Ober- und Unterseite auf. Die weißen Flügel¬
spitzen trugen keine dunklen Abzeichen. Aus der Nähe (ca. 15 m) waren hellfleischfarbene
Beine, ein gelber Schnabel mit rotem Fleck im Unterschnabeleck und eine gelbe Iris zu sehen
und man erkannte einen sehr hellen weiß-gräulichen Mantel mit davon abgesetztem rein
weißen Flügelhinterrand im übrigen ebenfalls rein weißen Gefieder. Der Vogel erschien kaum
merklich kleiner als die umstehenden Silbermöwen.
Am 2. Febr. 1981 war bei Annäherung auf unter 10 m auch die rote Färbung des Lidrandes zu
sehen, so daß erst jetzt der Vogel als ad. Polarmöwe (Larus glaucoides) angesprochen wurde.
Mangels Erfahrung mit Vertretern „weißer" Großmöwen ergaben sich unter Verwendung vor¬
wiegend gängiger Bestimmungsliteratur einige Hindernisse für die Artdiagnose. Erst kürzlich
wies Bruns (1980) erneut auf den Umstand hin, daß im Extremfall ein kleines Eismöwen (Larus
hyperboreus) -Individuum kleiner sein kann als ein großes Exemplar der Pol-armöwe. Heinzel
u. a. (1972) schreiben, die Eismöwe sei „sehr variabel in der Größe, sie schwankt zwischen
Silber- und Mantelmöwengröße" (Larus marinus). Peterson u.a. (1959) sagen, daß sich die
Polarmöwe manchmal in der Größe der Eismöwe nähert, wenngleich man allgemein wohl davon
ausgehen kann, daß eine „durchschnittliche" Polarmöwe kleiner (nach Alexander, 1959, sogar
„beträchtlich kleiner") ist als eine „durchschnittliche" Eismöwe.
Es wird wiederholt angegeben (Peterson o. J., Thiede 1979), daß der Flügel der Polarmöwe
(„wirkt auffallend langflügelig im Fluge", z. B. Peterson u. a. 1959) proportional länger ist als
der der Eismöwe und die Flügelspitzen bei der rastenden Polarmöwe „weit" (Thiede 1979) über
das Schwanzende hinausragen. Dasselbe findet sich auch bei Haftorn (1971). Die Anwendbar¬
keit dieser Aussage wird deutlich z. B. beim Vergleich der Zeichnungen von Altvögeln beider
Arten in Heinzel u.a. (1972) sowie von Fotografien bei Alexander (1959: Polarmöwe) und
Udvardy (1977: Eismöwe). Die Abbildungen bei Fisher (1954) sind diesbezüglich wesentlich
eindeutiger.
Nach Alexander (1959) unterscheidet die sehr helle Färbung der Polarmöwe diese „von allen
anderen Arten". Der weiß -gräuliche Mantel des Büsumer Exemplares kontrastierte mit dem
reinen Weiß des übrigen Gefieders nur etwa so schwach wie bei der in Alexander (1959) und in
Voous (1962) abgebildeten Polarmöwe, also deutlich geringer als z. B. bei der Eismöwe in
Udvardy (1977) oder dem Altvogel bei Thiede (1979). Unter ungünstigen Lichtverhältnissen
(Büsum 1. 2.1981: trübe, neblig) war dieser Kontrast beim fliegenden Vogel o'ft überhaupt nicht
sichtbar, die Möwe erschien dabei von oben häufig insgesamt ähnlich weiß wie die bei Heinzel
u. a. (1972) abgebildeten beiden arktischen Großmöwen im zweiten Winter.
Die hier verwendete Bezeichnung „gelb" ist notwendigerweise näher zu erläutern. Gemeint
ist ein dunkles, bräunliches Gelb mit zahlreichen Einlagerungen wie in dem bei Smith (1967)
dargestellten „dunkelgelben" kumlieni-Auge, also nicht das helle Gelb wie bei unseren Silber¬
möwen. Die damit umschriebene Irisfärbung des Büsumer Vogels spricht gegen Eis- x Silber¬
möwen-Hybriden und gegen Silbermöwen-Farbabberationen, also für einen Vertreter der
o7auco/des-Gruppe (Goethe, briefl.).
Der Schnabel des Büsumer Exemplars war in Färbung und Abmessung ähnlich dem einer der
umstehenden Silbermöwen und damit keineswegs so schlank „etwa wie bei der Sturmmöwe"
(Larus canus; so Heinzel u. a. 1972 im Text; vgl. auch Maßangaben bei Kirchner, 1966, und
Abb. 3). Dwight (1925) bezeichnet den Schnabel der Polarmöwe gemeinsam mit denen der
Mantel-, Eis-, Silber- und Heringsmöwe (Larus fuscus) u. a. als „Large and Stout", die auch
ähnlich gefärbt sind; auf Tafel VI wird der Schnabelumriß der Polarmöwe als in der Größe
zwischen Mantel-, Silber-, Eismöwe u. a. einerseits und Sturmmöwe andererseits stehend ab¬
gebildet (siehe Orn. Mitt. Nr. 9/1981, Seite 241).
Kein Widerspruch fand sich bei Angaben zur Färbung des Augenringes. Dieser wird überein¬
stimmend zur Brutzeit bei der Eismöwe als gelb, bei der Polarmöwe aber als rot beschrieben.
Doch stifteten einige Literaturangaben zur Irisfärbung insoweit Verwirrung, als einige der
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