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Decheniana (Bonn) 138, 157—168 (1985)
Chironomiden und andere Benthosorganismen
eines hochbelasteten Flachsees (Poelvenn, Nettetal)
Brigitte von Danwitz, Armin Kureck und Dietrich Neumann
Mit 5 Abbildungen und 4 Tabellen
(Eingegangen am 27. 4. 1984)
Kurzfassung
Von Mai 1982 bis Mai 1983 wurden im hypertrophen Flachsee Poelvenn und seinem Zufluß die hydro¬
graphischen Bedingungen und das Zoobenthos untersucht. Von den 16 nachgewiesenen Chironomiden-
arten waren am häufigsten: Chironomus plumosus, Glyptotendipes paripes, Polypedilum nubeculosum,
Microchironomus teuer und Procladius choreus. Ihre maximale Besiedlungsdichte betrug 1330 Lar¬
ven/m 2 . Chaoboridae und Ceratopogonidae waren weniger häufig. Es wurden zwei Arten nachge¬
wiesen, für die in Deutschland jeweils erst drei Fundorte bekannt sind: die Chironomide Fleuria
lacustris Kieffer und der Ostracode Herpetocypris chevreuxi (Sars). F. lacustris war 1976-79 durch
eine Massenentwicklung zur lokalen Plage geworden.
Abstract
The hydrographic conditions and the zoobenthos of the hypertrophic shallow lake „Poelvenn“ and its
inlet were examined from May 1982 until May 1983. 16 species of Chironomidae were found of which
the following were most abundant: Chironomus plumosus, Glyptotendipes paripes, Polypedilum nube¬
culosum, Microchironomus teuer and Procladius choreus. Their maximum density was 1330/m 2 . Cha¬
oboridae and Ceratopogonidae were less abundant. Two species were identified for which only three
locations each are known in Germany: the chironomid Fleuria lacustris Kieffer and the ostracod Herpe¬
tocypris chevreuxi (Sars). F. lacustris had been a local plague after a mass-development from 1976-79,
but was not abundant now.
1. Einleitung
Am Poelvenn-See im Naturschutzgebiet Krickenbecker Seen kam es in den Jahren
1976-1979 zu einer vorübergehenden Massenvermehrung der Chironomide Fleuria lacustris
Kieffer, einer Art, die bisher nur an wenigen Stellen nachgewiesen wurde, dort aber eben¬
falls durch Massenentwicklungen aufgefallen war (Schlee 1980, Lindegaard & Jonsson
1982).*) Die Imagines zeigen ein für Chironomiden ungewöhnliches Verhalten: Sie sitzen
tagsüber sonnenexponiert auf der Vegetation und auf Ufersubstraten und bilden durch ihr
Aggregationsverhalten gegebenenfalls dichte Ansammlungen in Ufernähe (Schlee 1980).
Am Poelvenn wurden sie dadurch zur Plage für ein ufernahes Lokal mit Bootsverleih. 1982
w ar das Massenvorkommen schon wieder abgeklungen, obwohl im See und seinem Zufluß
keine deutlichen Veränderungen erkennbar waren. Die Aufnahme des derzeitigen Zustands
des Sees und der Vergleich mit anderen Fundorten könnte zum Verständnis künftiger Mas¬
senentwicklungen dieser Mücke und zur ökologischen Beurteilung dieses Gewässertyps bei¬
tragen.
2- Untersuchungsgebiet
Pas Poelvenn ist heute ein eutropher Flachsee im Naturschutzgebiet „Krickenbecker Seen“
P Nettetal, Kreis Viersen (Abb. 1). Die vier Krickenbecker Seen bilden die letzten Glieder
einer von der Nette durchflossenen Seenkette. Sie sind im Alluvium durch tektonische
Stauung der Nette an ihrer Durchbruchstelle durch den Viersener Horst entstanden
) Wir danken Herrn Dr. Reiss (Zool. Staatssammlung München) für die Bestimmung der Art und
llinweise auf ihre Besonderheit, Herrn Dr. Jödicke (Untere Landschaftsbehörde Viersen) für Informa-
1Q nen über das Massenvorkommen am Poelvenn.