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rnithologisches Centraiblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Mimten Vereins-!
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrüge der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. l.
BERLIN, Zweiter Jahrgang.
1. Januar 1877.
Das OrnitllOlOgiscllO Centralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Die Bedeutung der Eulen in der Forst-
und Landwirtschaft.
Von Adolf Walter.
AVenn auch in jetziger Zeit die Eulen nicht mehr
als schädliche Raubvögel verfolgt werden und schon
öffentlich zur Schonung derselben aufgefordert ist, weil
sie zu den nützlichen Vögeln ;:u rechnen sind, so hört
man doch noch häufig genug das Gegentheil behaupten,
und sogar kommt es vor, dass ihnen in öffentlichen
Blättern der Krieg erklärt wird. So bin ich schon
früher einmal in der allgemeinen Deutschen landwirth-
schaftlichen Zeitung „Praktisches Wochenblatt" 1869
der Behauptung, dass der Waldkauz (Syrnium alueo) als
arger Vogelräuber verfolgt worden müsse, entgegen¬
getreten ; heute will ich mich nicht nur bemühen, den
Nutzen der Eulen klar zu machen, sondern will auch
durch Vorführung der Nahrung der einzelnen Eulen¬
arten die grössere oder geringere Nützlichkeit derselben
darthun.
Dr. Brehm sagt in seinem „UlustrirtenThierleben":
die Eule nützt von erster Kindheit an; und dieser Aus¬
spruch ist sehr wahr. Wer sich von der Richtigkeit
dieser AVortc durch eigene Anschauung überzeugen will,
darf nur die Gewölle der Eulen untersuchen. Sie be¬
stehen aus don unverdaulichen Ueberresten der verzehrten
Nahrung: aus Haaren, Federn, Knochen etc., welche
Substanzen oben zur Verdauung der meisten Raubvögel
untauglich sind. Die Gewölle der meisten Eulen haben
eine längliche cylindrischo Form, und worden von den
Knien gewöhnlich einmal des Tages ausgospioen. Man
findet solche Gewölle gewiss in jedem Walde, in welchem
hohle Bäume stehen, gewöhnlich in der Nähe des Stammes
der letzteren. Die Gewölle des Waldkauzes, der gewöhn«
Hohen grauen Eule (Surn, alueo), enthalten ausser den
Haaren der Mäuse auch den Schädel und überhaupt
sämmtliche Knochen derselben unversehrt. Ich habe
noch in diesem Jahre bei jedem Gange in den AVald
solche Gewölle gesammelt und untersucht. Von Ueber¬
resten von Vögeln fand ich nur einmal eine Spur, alles
Uebrigc waren Reste von Mäusen und Käfern. Drei
zusammenliegende Gewölle enthielten nur die Flügel¬
decken und Füsse des schwarzblauen Mistkäfers. Dass
aber die Eulen auch ausnahmsweise Vögel fressen, steht
freilich fest; aber, wie gesagt, nur ausnahmsweise. Ein
Gewölle des AValdkauzes zeigte die Uoberreste eines
Kernbeissers. Berühmte Forscher, wie die Gebrüder
Naumann, welche ihr ganzes Leben ausschliesslich
der Erforschung der Lebensweise der A'ogel gewidmet
haben, bezeichnen alle Eulen, mit Ausnahme des Uhu,
der junge Rehe und Hasen, Fasanen und Rebhühner
raubt, als nützliche Vögel. Andere, z. B. Professor
Dr. AI tum in Neustadt E/W., haben sich längere Zeit
damit beschäftigt, die Nahrung der Eulen genau zu
untersuchen, und hat Letzterer in einem Jahre in 210
Gewöllen des AValdkauzes die Uoberreste gefunden von:
1 Hermelin, 48 Mäusen, 296 Wühlmäusen, 1 Eichhorn,
33 Spitzmäusen, 48 Maulwürfen, 18 kleinen Vögeln,
48 grossen Käfern und zahllosen Maikäfern. Manche
Gewölle bestanden geradezu lediglich aus Ueberresten
der letzteren. Von der Schleiereule (Strix flammea)
fand er in 700 Stück Gowöllen Ueborresto von 16
Fledermäusen, 240 Mäusen, 693 Wühlmäusen, 1580
Spitzmäusen, 1 Maulwurf und 22 kleineren Vögeln.
Es langt also die Schleiereule keine Käfer, in grösster
Menge Spitzmäuse, dagegen der Waldkauz viele Käfer
und Mäuse, aber wenig Spitzmäuse. Da die Spitzmäuse
nützliche Thioro sind, so ist die Schleiereule, zumal sie
keine Käfer l'risst, weniger nützlich als der AValdkauz.
Dieser wird auch noch besonders nützlich dadurch, dass