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Ornithologisches Centralblatt
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Nachrichtsblatt des gesammten Vereins -Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 2. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 15. Januar 1877.
Das Ornithologisclie Centralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Beobachtungen über das Leben und die Fort¬
pflanzung gefangener einheimischer Körnerfresser.
Von Dr. G. Fr. Hermann Milller in Berlin.
Zweite Abtheilung.
Züchtuiigsversuclie.
18. Meine Tagebücher berichten in 6 Jahren über
524 Eier, 34 Junge, eine ähnliche Zahl verbrüteter
Embryonen und ohnget'ähr 8G Nistungen und GG Ge¬
lege. Ich sage „ohnget'ähr", weil bei dem wochen- und
monatelangen cont'usen und nutzlosen Nisten und Legen
der Dompfaffen und einigen Unregelmässigkeiten anderer
Vögel eine genaue Begrenzung und Bezifferung dieser
Processe unmöglich ist. Um keine unbegründeten Er¬
wartungen aufkommen zu lassen, erinnere ich an das
obige Missverhältniss der Eier und Jungen, und füge
gloich hier hinzu, dass in Bezug aufdasAusbrüten
junger Vögel die Versuche mit Girlitzen und Stieg¬
litzen misslungon sind, und dass die Dompfaffen sich als
abscheuliche Vögel gezoigt haben, während andererseits
von den verleumdeten Zeisigen inallenBeziehungen
mehr geleistet worden ist, als nach dem weit verbreiteten
Aberglauben über sie zu erwarten stand.
19. Eine ausführliche Besprechung der oben ange¬
deuteten zahlreichen Einzolnheiten würde vielen Baum
beanspruchen und zwar in unnöthiger Weise, weil die
meisten Processe in gleicher oder ähnlicher Weise sich
wiederholt haben. Ich werde mich daher hauptsächlich
auf statistische Angaben beschränken und nur diejenigen
Züge aus dem Leben der Vögel hinzufügen, welche zum
Verständnisse desselben beizutragen vermögen. Wenn
ich auch die mehr oder minder misslungenen Versuche
nicht mit Stillschweigen übergehe, so geschieht es in der
Annahme, dass bei sorgsamer Verpflegung der Vögel
auch negative Ergebnisse zu ihrer Charaktcrisirung
beizutragen geeignet sind.
I. Gr i r 1 i t z e.
20 (ohne Tagebuch). Im Frühjahr 1871 überliess
mir Herr Dr. W. Arndt ein Paar dieser Vögel zu Ver¬
suchen. Der Hahn war jung, das Weibchen alt; beide
von ausserordentlicher Aengstlichkoit und Wildheit.
Gleichwohl ging der Hahn bald in'sNest, kreiselte*) und
lockte. Das Weibchen folgte erst nach mehreren Wochen.
Nun bauten beide Vögel gemeinschaftlich, d. h. sie warfen
in ihrer Angst die Niststoffe vom Bande des Nestes in
den Kessel, ohne nachzuhüpfen und sie zu verarbeiten.
Das ihnen gegebene gutgestalteto Nest verlor dadurch
die Kesselforrn und wurde tellerartig. Das Weibchen
legte schliesslich 2 Eier, ohne zu brüten.
Es wurde sofort durch ein anderes, zwar junges, nur
leider eben so wildes Exemplar ersetzt. Dies gab den
Lockungen des Hahns zweimal schnell nach. Die beiden
neuen Nester wurden gleich schlecht gebaut, wie das
erste. Es erfolgten zwei Gelege von je 4 Eiern und
2 Brütungen. Das Weibchen warf durch hastiges Auf¬
springen beim leisesten Geräusche die ihm belassenen
4 und 3 Eier aus dem verflachten Neste. Alle waren,
gegen meine Erwartung, angebrütet und das achte,
einem Zeisig mit untergelegto, wurde ausgebracht. Die
Begattung ist also trotz aller Angst und Scheu eine
naturgemässe gewesen. — Ich zweifle nicht, dass Ver¬
suche mit zahmeren Exemplaren gute Erfolge liefern
werden.
Als nun die Vögel die Erlaubniss erhielten, frei in
der Stube zu fliegen, wurden sie schnell zahm, eine
*) Einen technischen Ausdruck für das Drehen im Neste
kenne ich nicht und habe daher den obigen gewählt)