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Ornithologisches Centraiblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Nachrichlsblatt dos gcsaniniten Vcrcins-Wcscns und Anzeiger für Sammle]; Ziehte und Händler,
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 3. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 1. Februar 1877.
Das Omitliologisclic Centralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Beobachtungen über das Leben und die Fort¬
pflanzung gefangener einheimischer Körnerfresser.
Von Dr. G. Fr. Hermann Müller in Berlin.
(Fortsetzung.)
1. Phlegma. 1870—1874.
Dies im Spätsommer 1870 gekaufte junge Weibchen
von grosser Zahmheit war das volle Gcgenthcil von
Moblot. Es zeigte in jeder Hinsicht eine so auffällige
Bedachtsamkeit und Langsamkeit, dass es davon den
bezeichnenden Spitznamen erhielt.
27 (ohne Tagebuch). 1871. Eine versuchte Paarung
mit einem stattlichen Kanarionhahnc blieb ohne jeden
Erfolg.
28. Anfang Juni 1872 wurde derselbe Versuch er¬
neuert. Die Vögel vertrugen sich ausgezeichnet, nur
zeigte sich der Kanai'ienhahn sehr apathisch, wenigstens
habe ich im ganzen Sommer nur einige wenige Liebes¬
verfolgungen gehört.
Vom 18. Juni bis 7. Juli ging das Weibchen, seinem
Naturell entsprechend, lässig in das eingehängte Polster¬
nest und glättete es nur in bedächtlicher Weise, ohne
Niststoff einzutragen. — Vom 8.—11. Juli brachte es
4 Eier und begann am 10. Juli fest zu sitzen. — Der
nach dem 3. Ei sich einstellende starke Durchfall von
grünlicher Farbe hielt das Vögelchen vom regelrechten
Brüten nicht ab. — Am 27. Juli wurden die unbefruchteten
Eier weggenommen.
29. Phlegma wurde am 5. Juli 1873 mit einem neu
erworbenen zahmen Stieglitzhahne gepaart und begann
sofort zu bauen. Am 7. Juli beobachtete ich eine ge¬
lingende Betretung.
Vom 10.—13. Juli erfolgten 4 Eier und am 12.
begann die Brütung. Am 30. Juli wurden die Eier
entfernt. Drei derselben zeigten eine Anbrütung von
wenigen Tagen und das 4. enthielt einen Embryo mit
hirsekorngrossen Augen. Die Verbreitung war wieder
durch grobe Störungen beim Stubenreinigen in meiner
Abwesenheit herbeigeführt. Das dreifache Misslingen
in No. 25, 26 und 29 ist mir besonders deshalb un¬
angenehm gewesen, weil ich gern ermittelt hätte, ob
diese Vögel aus dem Kröpfe oder Schnabel füttern.
30. Mit demselben Paare wurde am 6. April 1874
ein neuer Versuch angestellt.
Vom 7. Mai an begann das Weibchen im Neste zu
kreiseln und vom 25. Niststoffe einzutragen. Es lockte
sehr häufig zur Begattung, doch habe ich nur eine
gelingende waln-genommen. — Am 31. Mai, 2., 5., 16.
und 17. Juni wurden 5 Eier, die drei letzten von der
Sprosse gelegt; das 2. war ein schalenloses (Fliessei).
Das Weibchen war bereits am 4. Juni kränklich, am
16. ernstlich krank geworden und starb Tags darauf
eine Stunde nach dem Austritt des 5. Eies.
Dieser äusserst phlegmatische Vogel hat 1871 nicht
genistet und 1872—74 in 3 Gelegen 13 Eier gebracht;
von den zur Brütung gelangten 8 Eiern waren 4 be¬
fruchtet.
31. 0. Das Schöneberger-Weibchen. Dieser Ende
Juni 1872 durch Ankauf aus dreijähriger enger Ge¬
fangenschaft befreite Vogel wurde in diesem und dem
folgenden Jahre mit einem Xanarienhahne vergeblich
gepaart und aus Raummangel am 20. Mai (wohl zu
früh) weggegeben.
32. U. In gleicher Weise unfruchtbar erwies sich
1875 dasjenige Paar, welches die Namen „Küssor und
Küsserin" führt, weil es, auf der Hand sitzend, auf
Befehl sich regelmässig schnäbelt und die Finger¬
spitzen wie küssend berührt. Das mir unersetzliche
niedliche Weibchen ist im Frühjahr 1876 nach wochen¬
langer Krankheit zu meinem grössten Bedauern gestorben,