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Der Hahn erfreut mich und meine Gäste noch heute
durch seine Fingerküsse auf Conimando! Bei ungünstiger
Stimmung bringt ein starkes Schnippen mit den Fingern
ihn sofort zur Folgsamkeit.
33. Y. Von diesem 1875 durch Kanarien ausgebrüteten
Geschwisterpaare kreiselte das Weibchen im Mai 1876
einigemale leicht und flüchtig im Neste. Weiteres ist
nicht erfolgt. Sie waren wohl noch zu jung.
36. Resultate. Aus meinen sechsjährigen Be¬
obachtungen, deren Mehrzahl oben im Auszuge mit-
getheilt ist, ergeben sich folgende Thatsachen.
Von 6 Weibchen haben 3 gebrütet, jedoch erst im
zweiten Lebensjahre und dann in jedem Sommer.
Drei haben versagt: 2 vielleicht, weil sie noch zu jung,
kein volles Jahr alt waren; das 3. hatte eine drei¬
jährige schlechte Gefangenschaft durchmachen müssen. —
Von den 3 ersteren hat in einem Sommer A. (No. 21)
3 Gelege oder 13, überhaupt 15 und E. (No. 26) 18,
überhaupt 31 Eier gebracht. Alle 3 haben 10 Nistungen
mit 9 Brütungen vollzogen und 59 Eier gelegt. Von
ihnen gelangton etwa 44 zur Brütung; nur 19 zeigten
Anbrütungen von verschiedenen Tagen; ausserdem wurden
2 Junge durch Kanarien ausgebracht. Ein schlechtes
Ergebniss, dessen Ursachen icli nicht kenne.
Wirkliche Paarung mit Kanarienhähnen habe ich
niemals wahrgenommen; aber auch die Stieglitzhähne
zeigten einen ungleich schwächeren Begattungstrieb als
andere Arten; selbst die lebhaftesten wurden träge und
verstummten, sobald sie in die Heckbauer kamen. Ich
vermuthe jetzt, zu spät, dass diese Vögel zu vollem
Wohlbefinden, zumal in der Paarungszeit, nicht blos
grosser Helligkeit, sondern directer Sonnenstrahlen
bedürfen. Sie nisten ja auch in der Natur lieber auf
lichten, als schattigen Bäumen und ihre brillanten
Farben deuten ebenfalls auf Licht.
Der Nestbau ist lediglich durch die Weibchen aus¬
geführt und meistentheils in solcher Vollendung und
Schönheit, dass sie den Naturnestern nicht nachstanden.
Alle zahmen Hähne zeigton in der Nistzeit stereotyp
komische Bilder. Sobald sie Baumaterialien aufgenommen
hatten, blähten sie die Deckfedern empor, legten die
zurückgebogenen Köpfe bald rechts, bald links, Hessen
gleich Truthähnen die Flügel herab und schlugen mit
den Schwänzen hin und her. In lächerlich gravitätischen
Posituren hüpfton sie selbstgefällig von Sprosse zu
Sprosse und zerzausten die Niststoffe, um sie schliess¬
lich unbenutzt fallen zu lassen. Durch ihr sonderbares
Benehmen haben diese Vögel mich oft erheitert.
Die Weibchen haben durchschnittlich glatt gelegt,
keine Eier muthwillig zerstört und musterhaft gebrütet.
Bei diesem Geschäft hat nur ein einziger Hahn mit¬
gewirkt, dem ich wegen seiner Charaktercigontliümlich-
keiten einige Zeilen widmen möchte.
Dieser Vogel hatte sich, als ich ihn kaufte, bereits
5 Jahre in sehr enger Haft befunden und sollte gegen
alle Menschen und Thiere äusserst bissig sein. Ich
erwarb ihn aus Noth und ohne die geringste Erwartung.
Dennoch gereute mich schon am anderen Morgen der
Kauf, denn das ganze Subject bestand nur aus Bosheit
und lahmen Gliedern. Bei mir hat er sich nicht gegen
Mensehen vergangen, um su mehr gegen seine Stubenge-
Jiossen, Am meisten bulle das ihm zugesellte Weibchen
zu duldon, welches er unter unablässigem „Rärärärä"!
so arg verfolgte, dass mir der so vorzüglich gelungene
Nestbau fast unerklärlich blieb. Mit Beginn der Brütung
war der kleine Bösewicht wie umgezaubert. Er nahte
sich dem Neste zuerst schüchtern, dann immer dreister
und fütterte das Weibchen mit einer Ausdauer, als ob
sein Kropf unerschöpflich sei. Verliess das Weibchen
das Nest, dann stolperte er gewissenhaft hinein, hüllte
die Eier vorsichtig in die Federn und brachte alle losen
Fasern kreiselnd und drückend in Ordnung. Machte
sich Frau Stieglitz diese gute Stellvertretung einmal zu
Nutze und blieb ungebührlich lange aus, so haspelte
sich ihr rheumatischer Gatte aus dem Neste und trieb
sie unter lautem Schelten hinein. Augenblicklich folgte
er ihr nach und versöhnte sie in liebevollster Weise
durch Speisebrei.
Während der Brütung durfte Niemand, auch ich
nicht, dem Käfige nahen. Schon bei 5 Schritt Entfernung
setzte sich der erbitterte Hausherr zur Abwehr. Laut
krähend sträubte er die Federn, trat an das Gitter
und schlug mit den Flügeln dagegen. In dieser Stim¬
mung verschmähte er sogar den ihm angebotenen be¬
liebten Distelsamen und biss wüthend in die Finger¬
spitze. Nur dem vorgepressten Safte eines Mehlwurmes
vermochte er niemals zu widerstehen. — In demselben
Augenblicke, wo Nest und Eier entfernt wurden, kehrte
sein alter Charakter zurück: Vogelfeind und Menschen¬
freund.
Bloss um das psychologisch interessante Schauspiel
sich wiederholen zu lassen, habe ich diesen Vogel drei¬
mal zur Züchtung verwendet; das letzte Mal ohne den
gewünschten Erfolg. Es machte sich Altersschwäche
geltend, der Aermste schlief den grössten Theil des
Tages und kümmerte sich um nichts. Er wurde des¬
halb aus dem Heckbauer genommen und frei auf einen
grossen Tisch gesetzt, denn fortfliegen konnte er nicht
mehr. In diesem Zustande schien er seine Abhängigkeit
von Menschenhänden besonders zu fühlen, er drängte
sich an jeden zum Tische Tretenden, pispernd um
Disteln und Mehlwurmsaft bittend. Schliesslich ent¬
schlief er sanft in sitzender Stellung. Ich war längst
mit ihm ausgesöhnt. Mögen es die Leser auch mit
mir sein oder werden wegen der vielen Zeilen, welche
ich meinem kleinen Freunde gewidmet babe!
(Fortsetzung folgt.)
Die Scharlachtangara
(JPyvcmya rubra).
Von Emil Linden.
Seit vier Jahren besitze ich ein Exemplar dieser zur
Familie der Tangaren gehörigen Species, die ich im
Prachtkleide, als „Sommerrothvogel" von Frl. Hagen -
beck erhielt, also vorherrschend schön scharlachroth
mit Ausnahme der schwarzen Flügel und Schwanzfedern. —
Ich war begierig auf den Farbenwochsel, da der Vogel
bekanntlich zur Zeit seiner Wanderung aus den Verei¬
nigten Staaten nach Central-Amerika sein Kleid wech¬
selt. — Wirklich begann schon im September die rothe
Farbe auffallend zu verblassen, die unteren Federn
staclien allmälig in gelblicher Farbe durch und in we¬
nigen Wochen war das Winterkleid zuerst in Orange,