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Oriiithologisches Central!)]alt
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Wiriclilii des gesamniten Ycrcins-Wcsens und Anzeiger hr Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 4. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 15. Februar 1877.
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Der Wasserschwätzer (dnclus aquatieus) in
Freiheit und Gefangenschaft.
Von Dr. A. Girtanuer.
Ein klar rieselnder Bergbach am Ausgang eines
Gebirgsstockes, reichlich mit moosbedeckten Felsblöcken;
die steilen Ufer umsäumt von lichtem Erlengebüsch,
durch dessen Lücken der Dachstuhl der alten Klapper¬
mühle mit tosendem Wuhrfall und sprühendem "Wasser¬
rad freundlich hindurchschimmert; nahe dabei die stein¬
beschwerte lebensmüde Brücke, frischgrünes Wieson-
gelände mit sonnigen Wänden verbindend; dazu die
wunderklare Luft eines strahlend hellen Septembertages
im Hochgebirg; darüber der blaue Himmel und drunten
mitten im steinigen Bachbett ein immer singendes, immer
fröhliches Wasscramselpaar — das Alles stellt sich zu
einem jener lieblichen Bilder aus der Idylle unserer
Hochthäler zusammen, wie ich sie mir, unbeschadet der
erhabenen Grossai'tigkeit und Majestät der Hochalpen-
scenerie, mit Vorliebe in's Gedächtniss zurückrufe.
Dort steht sie — getreulich Dir die blendend weisse
Brust zukehrend — auf ihrem Lieblingpfosten, zunächst
dem schäumenden Sturze: die unentwogt frische und
froho, die so neugierige und doch immer vorsichtig um¬
blickende, die freie und fromme Wasseranbeterin. Sieh'
sie Dir recht an, denn eben mit andächtigem Knixe ver¬
schwindet die neckische Nixe im Allorhoiligsten ihres
krystallhell funkelnden Tempels. Möge sie sich darin
vorderhand nach ihrem Wohlgefallen erbauen, während
wir uns etwas genauer nach ihr und ihrer Frömmigkeit
erkundigen.
Der Wassorschwätzor, hier zu Lande meist Wasser¬
oder Bachamsel genannt, möchte der äussern Erscheinung
nach so ziemlich allgemein bekannt und eine Personal¬
beschreibung deshalb überflüssig sein, um so mehr als
unser Vogel durchaus kein ausschliesslicher Bewohner
der Alpenländor ist, sondern auch über das hügolreiche
Deutschland und nördlichere Gebiete zerstreut sich vor¬
findet. — Als strenger Bevierjäger schon aus diesem
Grunde nirgends massenhaft auftretend, fehlt die Bach¬
amsel anderseits kaum einem Bache, der reines Berg¬
wasser führt. Wo aber Fabriken, Färbereien und ähn¬
liche industrielle Etablissements ihre Auswurfstoffe in
die fliessenden Wasser ergiessen und sie trüben und
vergiften; wo kunstvolle Kanäle mit technisch untadel-
hafter Quader- oder Holzverkleidung an die Stelle
natürlicher Ufer getreten, die schattigen Ufer rück¬
sichtslos entholzt worden sind und der freigeboreno
Gebirgssohn sich in einen willen- und charakterlosen
Sklaven des Menschen verwandelt hat — dort freilich
macht die auch freigeborene Bachamsel einem allfällig
servil gearteten Gliede des Vogelgeschlechts ein der¬
artig profanirtes Daheim nicht streitig, das ihm ausser¬
dem keinen Schutz und keine Nahrung mehr bietet.
Sie weicht zurück, so weit es sein muss, so weit, bis
sie die freie Natur wieder findet. An dem Veröden
sehr vieler früherer Standorte des Wasserschwätzers
trägt ganz allein die rasch und unaufhaltsam vordringende,
die alles freie Thierleben wie ein Waldbrand vor sich
her hetzende und mit versengendem Gluthathem verder¬
bende Cultur die Schuld, und keineswegs der Universal-
8Ündenbock „Vogelsteller", der diesem Vogel wohl nie¬
mals irgend nennenswerthe Einbusse gebracht hat.
Ich wage dreist zu behaupten, dass dasselbe für last
alle früher in Europa häutig gewesenen und jetzt selten
gewordenen Vogelnrten gilt, abgesehen natürlich von
jenen, die ausserdem das unglückliche Privilegium ge¬
messen, unter dem gleissendem Titel „Jagdgeflügel"
sich von einer entwickeltem Monschenart als dem Vogel¬
fänger mit einer Vehemenz bis zur Ausartung verfolgen