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Ornithologisches Centralblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Nacliriclitsblatt des gesammten Vereins-Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 7. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 1. April 1877.
Das OrnitUologiscIie Centralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Die Spielereien, Spiele und Turnübungen der Vögel.
Von Ad. Walter.
Nur gesunde Vögel sind zum Spielen geneigt, und
schon auB diesem Grunde sehen wir das Spielen der¬
selben gern, besonders bei unseren gefangenen Vögeln.
Noch mehr erfreut uns das Spiel selbst, in welchem
wir die Geschicklichkeit und Gewandtheit, sowie die
geistige Begabung des Vogels kennen und bewundern
lernen.
Durch Spielen drückt der Vogel nicht nur sein
Wohlbehagen, seinen Frohsinn aus, sondern auch die
Freude des Wiedersehens; seine Anhänglichkeit, seine
Liebe sucht er durch sein Spiel zu offenbaren, das ihm
dann zugleich Gelegenheit giebt, seinen Körper zu
kräftigen, seine Glieder gelenkiger und geschickter zu
machen; und diese Spielo werden dann zu wahren
Turnübungen, die immer, so mannichfach sie sein
mögen, dem Charakter des Vogels entsprechen. Wir
sehen daher Raben- und Raubvögel sich beschäftigen
mit Fangen und Ergreifen der verschiedensten Gegen¬
stände, schüchterne Vögel sich üben im Versteck¬
spielen u. s. w. Zuweilen vermögen wir nicht eine
besondere Absicht oder einen Zweck in diesen Spielen
zu entdecken, und dann erscheinen sie als blosse Spie¬
lereien, aber auch bei diesen müssen wir über die gei¬
stige Befähigung des Vogels staunen.
Ich werde mit den gefangenen Vögeln beginnen,
da bei diesen die Spielereien am genauesten wahrzu¬
nehmen sind, und mit den Vögeln im Freien schliessen,
weil hier wieder die Turnübungen die erste Stelle ein¬
nehmen.
Bei grossen und kleinen Vögeln der verschiedensten
Reihen und Ordnungen übt ein sich bewogender Faden
einen grossen Reiz aus und regt zum Spielen an.
Eine Sperbergrasmücke (Curruca nisoria) setzte icli
in den Winterabenden häufig mit dem Käfig auf den
erleuchteten Tisch, öffnete die Thür, Hess sie heraus
und reichte ihr auf Papier Mehlwürmer. Sobald sie
einige verzehrt hatte, hüpfte sie regelmässig an den
Rand des Tisches, um den vom Knäul sich abwickelnden
Faden festzuhalten, der meiner Schwester zum Stricken
diente. Sie flog auch, falls das Knäul auf dem Schoosse
lag, auf's Strickzeug, um den Faden zu erhaschen.
Ein Kranich (Grus cinerea) den ich vor längerer
Zeit ganz klein im hellrothen Dunengefieder (nicht
grauen, wie oft irrig angegeben wird) in einem Wald¬
bruche gefunden und mit Maikäfern aufgezogen hatte,
durfte Haus und Hof betreten; nur die Wohnzimmer
waren ihm verschlossen. Sein Mittagbrod erhielt er an
derselben Tafel im Hausflur, an der wir assen. Waren
die weiblichen Personen mit Näharbeit beschäftigt, so
zog er jedes Mal, so lange es geduldet wurde, den
Nähenden den Faden aus der Nadel. Meine Schwestern
Hessen ihn lange sein Spiel treiben, meine Mutter aber
war ungeduldiger und hatte stets ein Taschentuch zur
Abwehr bereit. Deshalb machte er sich auch nur mit
den Schwestern zu schaffen. Waren diese nun aber
anderweitig und meine Mutter allein mit Nähen be¬
schäftigt, dann ging er, wenn Niemand auf ihn achtete,
hinter den Stuhl meiner Mutter, wartete einen günstigen
Augenblick ab und erhaschte, Kopf und Hals vor¬
schnellend, den Faden, so dass meine Mutter immer
die blosse Nadel in der Hand behielt.
Dass der Kranicli nach vollführter That nicht neben
dem Stuhl stehen blieb, sondern sogleich aus dem Be¬
reich des Taschentuches flüchtete, brauche ich wohl
nicht erst zu sagen; aber auch in den nächsten fünf
Minuten mied er sorgfältig den Stuhl, nach jeder andern
Richtung hin folgte er dem leisesten Rufe,