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Ornithologisches Centraiblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr,
Nachrichtsblatt des gesamten Vereins-Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler.
ßeiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 9. SEELIN, Zweiter Jahrgang. 1. Mai 1877.
Das Oriiitliologische Contralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Hogen stark, und ist. durch alle Postanstalten und
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Ein Goldstirnsittich (Conurus aureus Gml.)
als Sprecher.
Von Dr. «tlilker.
Das Sprechen der Papageien ist so allgemein bekannt,
dass der Laie glaubt, gleich bei jedem Mitgliede der
Familie diese Kunstfertigkeit voraussetzen zu dürfen;
fragte man mich doch schon bei Wollensittichen, ob sie
sprechen? Dem ist jedoch lange nicht so! Der grösste
Virtuose im Sprechen ist unstreitig der Graupapagei, und
wir lesen fabelhafte Erzählungen über seine Begabung,
die wahrlich nicht so übertrieben sind, wie sie scheinen,
wovon sich Jeder überzeugen kann, der schon einen
solchen Kauz von entsprechender Intelligenz zu besitzen
das Vergnügen hatte. Ihnen reihen sich in verschiede¬
nen Abstufungen, mit dem doppolten Gelbkopf (Ch. Le-
vaillanti) an der Spitze, die Amazonen an. Dann hat keine
Gattung mehr den Vorzug, als eigentliche Sprecher
gelten zu können; sondern aus den verschiedenen Grup¬
pen sind einzelne Individuen bekannt geworden, die
sehr deutlich Worte nachsprechen lernten, so z. B. ver¬
schiedene Cacatu's, Ara's, Edelpapageien, Mönchssittiche,
Keilschwanzsittiche und Lori's; niemals hört man Nym¬
phen, Wellensittiche, Zwerg- und Schmalschnabelsittiche
oder Plattschweife sprechen. Ich muss ollen bekennen,
dass ich an die Redekunst der kleinen Sittiche nie recht
glauben wollte; doch wurde ich durch ein eigenes
Exemplar eines Bessern belehrt, von welchem mir ge¬
stattet sein mag Einiges zu erzählen, zumal es nebenbei
noch ein komisches Korlchen ist.
Vor einigen Jahren kamen mir zufällig 2 noch sehr
jugendliche Goldstirnen in elend schlechtem Zustand des
Gefieders zu Händen. Sie waren namentlich durch die
gestutzten Flügel und Mangel der Schwanzfedern solir
entstellt. Der eine hatte durch das fortwährende An¬
schlagen des gestutzten Flügels und Abbrechen der je¬
weiligen Federkiele durch chronische Entzündung sich
eine starke Geschwulst der einen Hand zugezogen, die
ohne Amputation derselben unheilbar war; ich gab die¬
sen bald fort.
Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen,
wiederholt die üble Gewohnheit zu rügen, kleinen Pa¬
pageien die Flügel zu stutzen. Kommen sie in Auf¬
regung und wollen flattern, so fallen sie im Käfig herum,
schlagen die Flügelhandtheile an und brechen joweilen
oft unter starker Blutung die sprossenden Federn ab,
und es vorgeht oft sehr lange Zeit, bis sie sich erholt
haben, wenn eben nicht, wie bei meinem abgegebenen
Conurus und noch in vielen Fällen, der Flügel für im¬
mer ruinirt wird.
Meine zurückbehaltene Goldstirne erholte sich all-
mälig und ist jetzt tadellos im Gefieder. Es zeigte
sich bald an ihren modulirten Tönen, dass sie Sprech¬
talent besass. Zuerst lernte sie den bettelnden Zuruf:
„Bitti! Bitti!" Sie nahm selbstverständlich den schönen
Dialekt ihres Herrn und Lehrmeisters an und spricht Alles
in einem hohen, näselnden Tone, doch sehr deutlich.
Man kann kaum bei einem andern Papagei, wie bei
diesem so eklatant ersehen, dass sie angewandt sprechen ;
ohne zu wissen natürlich, was er sagt, weiss er doch die
Worte in Zusammenhang mit äusseren Erscheinungen zu
bringen. So z.B. ruft er jenes „Bitti!" hauptsächlich und
sehr beharrlich bei der allgemeinen Vogelfütterung, bis
er seine Sache hat; so auch, wenn man ihm etwas Ver¬
lockendes vorhält, z. B. Käsequark, Obst etc. Er ruft es
jedesmal auch, wenn ich zur Präparation von Vögeln