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Oniitliologisclies Centralblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 10. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 15. Mai 1877.
Das Ornithologisclic Centralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Aus unseren Mauern.
Eine oritithnlogischc Plauderei.
Von Herman Schalow. Berlin) im Miirz 1877 _
Jules Janin, der bekannte geistreiche Kritiker, des¬
sen Tod die französische Literatur im Anfange des ver¬
gangenen Jahres zu betrauern hatte, schildert einmal
in einem glänzend geschriebenen Feuilletonartikel die
Freuden, welche ein kleiner Pariser Bürger bei einem
Sonntagsausfluge in das Land empfindet. Heraus aus
dem beängstigenden Treiben seiner engen Strasse, giebt
sich der Mann mit Weib und Kind ganz den Einwir¬
kungen der freien ländlichen Natur hin. Eine Elster,
die zur Seite des Weges aus den Bäumen auffliegt, das
llotlikehlchen, welches an dem kleinen erlonumsäuinten
Bache singt, die Staare, die munter schwatzend in dem
Geäst der Alleebäume umherklettern, all' die Vögel
begrüsst er mit einem Ausdruck unverhohlener Freude.
Denn, fügt Jules Janin hinzu, in Paris, dem grossen
Häusermeer, sieht der Mann dergleichen nie. In Paris
giebt es wenige Vögel; da lärmen ja nur die Spatzen
in den Strassen und an den Quais.
Ich bedauere sehr, dass Jules Janin von einer Bro¬
schüre, welche Rene Paquet*) im Jahre 1874 veröffent¬
licht hat, keine Kenntniss erhalten zu haben scheint.
Er würde dann sicherlich anders über den Vogelroich-
thum von Paris geurtheilt haben. Der vorgenannte
Ornitholog, desse Güte ich die kleine Arbeit verdanke,
führt in dem erwähnten Buche die sämmtlichen Vogel¬
arten auf, welche innerhalb der Mauern von Paris, ent¬
weder als brütende oder als durchziehende, sicher beob¬
achtet worden sind. In der Einleitung zu seiner Arbeit
*) Neree Qudpat: Ornithologie parisienne ou Catalogue
des oiseaux sedentaires et de passage qui vivent ä l'dtat sau-
vage dans l'nnceintc de la ville de Paris. Paris 1874.
betont er die Bedeutung einer derartigen Zusammen¬
stellung.
Wenn ich nun auch die Ansichten Paquet's über die
allgemeine Wichtigkeit einer Stadt-Ornis nicht theile,
so stimme ich doch darin mit meinem verehrten Freunde
überein, dass einer solchen Arbeit ein locales Interesse
nicht abzusprechen ist. Sie giebt vielfache Belehrung
und Anregung und ihr Werth ist daher nicht zu be¬
streiten. Gorade in der Stadt wird man, wenn einmal
der Impuls gegeben, um so eher auf die einzelnen Vo¬
gelarten achten, als das Vorkommen derselben doch
mehr oder weniger als ein aussergewöhnliches zu be¬
trachten ist. Ein Joder ist in der Stadt leicht in der
Lage, die eine oder andere Beobachtung zu machen,
und ein Jeder ist erfreut, wenn er seine eigenen Beob¬
achtungen durch die Anderer entweder bestätigt sieht,
oder selbst in die Lage, kommt, fremde iHttheilungen
berichtigen zu können. Das Gefühl für die Natur ist
wohl Niemandem erstorben, selbst dem eingefleischten
Städter nicht, und er ist erfreut, wenn er inmitten der
Strassen durch eine ausserordentliche Erscheinung aus
der Vogel weit an das Land erinnert wird.
Als icli die Arbeit Paquet's durchgesehen, war ich,
ich muss es offen bekennen, über dio grosse Anzahl
der darin aufgeführten Arten im höchsten Grade über¬
rascht. Nicht weniger als 53 Vögel werden darin ge¬
nannt. Zugleich trat auch an mich der Gedanke heran:
wie viel Species dürfton wohl in Berlin sicher beobach¬
tet sein! Ich zog zu diesem Zwecke die auf den Gegen¬
stand bezüglichen Notizen aus meinen Tagebüchern
heraus und stellte sie mit den Angaben zusammen, die