Seite
Ornithologisches Centraiblatt
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
litt des gesäumte Vereins-Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 16.
BKRLIN, Zweiter Jahrgang.
15. August 1877.
Das Ornitliologischc Centralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist. durch alle Postanstalten und
Buchhandlungen zu beziehen. Abonnements-Preis halbjährlich 4 Mark. Im Laufe des Halbjahrs eintretenden Abonnenten werden
die erschienenen Nummern nachgeliefert. Inserate für den Anzeiger 20 Pf. pro gespaltene Zeile oder deren Raum. Zuschriften
jeder Art für das Centraiblatt sind an die Redaction, Prof. Ur. J. Cabanis, Brandenburgstr. 64, Berlin S., zu richten. Mit¬
glieder der „Allgem. Deutsch, ürnith. Gesellschaft", welche direct bei der Redaction bestellen, zahlen 6 Mark praen. Jahres¬
abonnement. Dieselben haben einen Raum im Werthc ihres Abonnements kostenfrei und bei Ueberschreitung desselben nur den
halben Insertionspreis zu entrichten.
Der Kukuk.
Von Brehm.
Unser K u k u k oder G a u c Ii [Cuculus canorus, cinereus,
vulgaris, hepaticus, leptodefus, rufus, borealis, indicus,
ielephonus, yularis, lineatus) vertritt die Sippe der
Kukuke im engsten Sinne (Cuculus) und kennzeichnet
sich durch schlanken Leib, kleinen, schwachen, sanft
gebogenen Schnabel, lange spitzige Flügel, sehr langen,
gerundeten Schwanz, kurze, theilweise befiederte Füsse
und ziemlich weiches, düsterfarbiges Gefieder. Das
Männchen ist auf der Oberseite aschgraublau oder
dunkelasehgrau, auf der Unterseite grauweiss, schwärz¬
lich in die Q,uere gewellt; Kehle, Wangen, Gurgel und
lialsseiten bis zur Brust herab sind rein aschgrau, die
Schwingen bleischwarz, die Steuerfedern schwarz, weiss
geneckt. Das Auge ist hochgelb, der Schnabel schwarz,
gilblich an der Wurzel, der Fuss gelb. Das alte Weib¬
chen ähnelt dem Männchen, hat aber am Hinterhalse
und an den Seiten des Unterhalses wonig bemerkbare
rüthliche Binden. Die jungen Vögel sind oben und
unten quer gewellt, junge Weibchen auf der Oberseite
oft auf rostbraunem Grunde mit stark hervortretenden
Querbinden gezeichnet. Die Länge beträgt 37, die
Breite 64, die Fittiglänge 19, die Schwanzlänge 17
Centimoter. Das Weibchen ist um zwei bis drei Cen-
timeter kürzer und schmäler.
In Europa, Asien und Afrika gibt es wenig Länder
oder Gegenden, in denen der Kukuk nicht beobachtet
worden ist, von China und den Amurlanden an bis zur
Küste von Portugal und vom Nordkap an bis Syrien,
Palästina und Algerien oder zu den innerasiatischen
Steppen und Gebirgen, auch Persien. Als Brutvogel
bewohnt er den Norden der alten Welt. Von hier
wandert er nach Süden, von Sibirien aus durch China
und ganz Indien bis auf die javanischen, die Sunda-
inseln und nach Ceylon, von Europa aus bis nach Süd¬
afrika. In allen Ländern Ostsudans, welche ich durch¬
reiste, habe ich auch den Kukuk gesehen, aber noch
nirgends als zeitweilig angesessenen, in der Winter¬
herberge sich aufhaltenden Vogel. Cabanis unter¬
scheidet allerdings die in Sibirien lebenden und in
Mittel- und Südafrika erlegten Kukuke als besondere
Arten. Ich muss jedoch, auf eigene Beobachtungen des
Lebens gestützt, sagen, dass ich in beiden Fällen an¬
derer Meinung bin. Dass der westsibirische Kukuk
von dem unsrigen nicht abweicht, unterliegt für mich
keinem Zweifel; ebenso wenig glaube ich im Süden
Nubiens jemals einen anderen Kukuk als den unsrigen
erlegt zu haben, somit auch die aus dem Süden
Afrikas in unsere Sammlungen gebrachten Stücke für
den einheimischen Vogel ansehen zu müssen, um so
mehr, als es nicht Wunder nehmen kann, dass ein
so gewandter Flieger wie der Kukuk ebenso grosse
Strecken durchwandert, wie andere weit minder fiug-
begabto Zugvögel. Nach meinen und allen übrigen
Beobachtungen wandert er schnell, lässt sich wenigstens
im Norden Afrikas oder in Syrien wie in Südeuropa
nicht erheblich früher vernehmen als in Deutschland
und verzögert aus leicht begreiflichen Gründen erst
weiter gegen den Norden hin seine Reise. Bei uns zu
Lande erscheint er in der Regel um die Mitte des
April: „Am achtzehnten kommt er, am neunzehnten
muss er kommen" hoisst es im Volksmunde. Aus¬
nahmsweise aber trifft er auch schon früher, unter
Umständen sogar schon im Anfang des Monats ein,
gleich viel, ob die Witterung günstig ist oder nicht,