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Ornithologisches Centraiblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Nachrichtsblatt des gesammten Vereins-Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler.
Beiblatt znm Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 17. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 1. September 1877.
Das Ornithologisclie Ccntralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Der Kukuk.
Von Brehm.
(Fortsetzung.)
Die Begattung wird in der Regel auf einem dürren
Baumwipfel oder einem sonstigen geeigneten freien und
erhabenen Platze, in den Steppen Turkestans selbst auf
ebenem Boden vollzogen, niemals ohne viel Lärmen,
■verdoppeltes Bufen und Kichern. Dass ein Männchen
das andere hierbei stören sollte, habe ich bisher nicht
beobachtet, glaube jedoch nicht an eine absichtliche
Zurückhaltung des minder begünstigten Nebenbuhlers.
Unmittelbar nach geschehener Paarung fliegt das
Weibchen, vielleicht um bald darauf irgendwo anders
dasselbe Spiel zu erneuern, auf und davon, jedes Männ¬
chen aber in sein Gebiet zurück.
Erscheint das Weibchen spät Abends auf dem
Schlafplatze eines Männchens, so versetzt es, da es
wohl nie versäumt, sich zu melden, den Gauch auch
jetzt noch in Liebesrausch. Für heute aber verbleibt
es beiderseitig beim Wünschen und Begehren. Weder
der Kukuk noch das Weibchen verlassen nach Beginn
der Dämmerung dun gewählten Buhesitz, ebensowenig,
als sie morgens vor eingetretener Helle umherfliegen.
Auf geschehene Meldung der Buhlin antwortet er in
üblicher AVeise, sie wiederum in der ihrigen, und so
währt das Rufen und Kichern fort, bis der Ziegen¬
melker zu schirren beginnt, manchmal noch länger.
Dann endlich wird es still: beide haben sich wohl ver¬
ständigt — für morgen.
Wer bezweifelt, dass der Gauch in Vielehigkeit
lebt, braucht blos solche Schlafplätze wiederholt zu
besuchen. Heute vernimmt er die Stimme des Weib¬
chens, die heisse Werbung des Männchens, morgen
nur noch den Ruf des letzteren: jenes beglückt dann
vielleicht den Nachbar, vielleicht einen ganz anderen
Werber. Deshalb gerade ist es so schwierig, ein klares
Bild des tollen Liebeslebens unseres Kukuks zu ge¬
winnen. Ich habe ihn während eines Menschenalters
beobachtet, eine Wahrnehmung an die andere gefugt,
ihn viel hundertmal herbeigerufen, mich noch in diesem
Frühlinge halbe Wochen lang so gut als ausschliesslich
mit ihm beschäftigt und doch nur einen Theil seines
Lebens zu erforschen vermocht.
Schon den Alten war bekannt, dass der Kukuk seine
Eier in fremde Nester legt. „Das Bebrüten des Kukuks¬
eies und das Aufziehen des aus ihm hervorkommenden
Jungen", sagt Aristoteles, „wird von demjenigen
Vogel besorgt, in dessen Nest das Ei gelegt wurde.
Der Pflegevater wirft sogar, wie man sagt, seine eigenen
Jungen aus dem Neste und lässt sie verhungern, wäh¬
rend der junge Kukuk heranwächst. Andere erzählen,
dass er seine Jungen tödte, um den Kukuk damit zu
füttern; denn dieser sei in der Jugend so schön, dass
seine Stiefmutter ihre eigenen Jungen deshalb verachte.
Das meiste von dem hier erwähnten wollen Augen¬
zeugen gesehen haben; nur in der Angabe, wie die
Jungen dos brütenden Vogels umkommen, stimmen nicht
alle überein: denn die einen sagen, der alte Kukuk
kehre zurück und fresse die Jungen des gastfreundlichen
Vogels, die anderen behaupten, weil der junge Kukuk
seine Stiefgeschwister an Grösse übertreffe, so schnappe
er ihnon alles weg, und sie wüssten deshalb Hungers
sterben; andere wieder meinen, er, als der stärkere,
fresse sie auf. Der Kukuk thut gewiss gut daran, dass
er seine Kinder so unterbringt; denn er ist sicli bewusst,