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Man darf aber keineswegs glauben, dass es lange
in dieser sogenannten engeren Heimath verweilt; sein
unstetes, bewegungslustiges Wesen lässt dies nicht zu;
nur wenn es sich um das Suchen von Nestern handelt,
besonders, wenn das Weibchen durch Beobachten der
Vögel deren Nester auszukundschaften sucht, verweilt
es an diesem Ort länger als gewöhnlich oder erscheint
es öfter.
Fast jedes Brutgebiet wird, wie Herr Dr. Brehm
schon bemerkt hat, von mehreren Weibchen durchstreift.
Ich habe im vorigen Jahre an einem Tage 4 Kukuks¬
eier auf einem Baume von einem Morgen Grösse ge¬
funden, alle in gleichem Entwicklungszustande, d. h.
alle ganz frisch. Es verkehrten also mindestens vier
Weibchen in diesem Gebiet.
Nicht ganz zutreffend ist das, was Herr Dr. Brehm
über das Nestersuchen sagt. Es heisst in jenem Aufsatz
Seite 131, Zeile 4: „Wenn das Ei legreif geworden ist,
fliegt das Weibchen aus, um Nester zu suchen. Bei
diesem Geschäft wird es vom Männchen nicht begleitet.
Das Nestersuchen geschieht fliegend; das Weibchen muss
aber ein ganz absonderliches Geschick haben, da es auch
die verstecktesten Nester auszuspähen weiss."
Richtig ist, dass das Männchen das Weibchen nicht
begleitet. Das Nest wird aber vom Weibchen vor der
Reife des Eies aufgesucht, mitunter wohl fliegend, aber
nicht immer, die verstecktesten Nester durch Beobachten
der Nestvögel gefunden.
Meine Beobachtungen geben hierfür den sichersten
Beweis: Zwei Mal in diesem, einmal im vorigen Jahre
konnte ich das Kukuksweibchen beim Nestersuchen be¬
lauschen.
Das erste Mal sah ich, versteckt am Wasser stehend,
einen Kukuk vom jenseitigen Ufer herüberkommen und
diesseits in einer nicht hohen Schwarzpappel aufbäumen.
Von da flog er bald darauf in den nächsten Weiden¬
strauch, schon im Fliegen von einem Uferschilfsänger,
Calam. phragmitis, heftig verfolgt, so heftig, dass er
durch seitliche Schwenkungen dem stossähnlichen An¬
fliegen des Schilfsängers auszuweichen suchte.
Mit Vergnügen sah ich den kecken Angriffen des
kleinen strammen Sängers zu, der auch nicht von seiner
Verfolgung abliess, als der Kukuk den ersten, dann
den zweiten Strauch durchschlüpfte. Fünf Minuten
später erhob sich der Kukuk und suchte das Weite.
Jetzt durchforschte ich sorgfältig den ersten, dann
den zweiten Weidenbusch und fand in letzterem etwa
einen Fuss hoch ein Nest des Uferschilfsängers mit 2 Eiern.
Nachdem ich an Ort und Stelle, wie noch jetzt mein
Notizbuch nachweist, niedergeschrieben hatte: „19. Mai
77, ü. Nest von Calamod. phragmit. mit 2 Eiern im
2. Strauch hinter der verkrüppelten Schwarzpappel",
setzte ich meinen Weg fort und suchte am folgenden
Tage — wie ich das stets beim Suchen nach Kukukseiern
mache — um 9 Uhr Vormittags diese Stelle wieder auf.
Es lagen nun im Nest 2 Schilfsängereier und ein
Kukuksei; auf dem unmittelbar vor dem Neste herab¬
hängenden Grase lag oder, besser gesagt, hing ein drittes
Schilfsängeroi, welches an einer Längsseite eingedrückt
war und eben auslief. Das durch den Schnabel des
Kukuks lädirte Ei nahm ich mit und bewahre es noch
jetzt auf.
Durch das Auffinden dieses Nestes erfuhr ich von
Neuem:
1) Dass der Kukuk ein fiir sein Ei passendes Nest
vor der Reife seines Eies sucht.
2) Dass er nicht nur fliegend, sondern auch kletternd
und durch Gebüsch schlüpfend nach einem Nest forscht
und besonders dann sehr eifrig, wenn der Nestvogel
ihn scharf angreift, weil er aus der harten Verfolgung
desNestvogels auf das Vorhandensein einesNestes schliesst.
3) Dass der Kukuk nicht immer alle Nesteier ent¬
fernt, besonders dann nicht, wenn er sie nicht durch
das Umdrehen und Andrücken seines Körpers aus dem
Neste werfen kann. In das zwischen 4 senkrecht
aufsteigenden Zweigen ruhende Nest konnte er seinen
ganzen Körper nicht zwängen und musste deshalb das
Nestei mit dem Schnabel ergreifen und fortwerfen.
4) Dass er keine Eier frisst, was ich auch nie in
meinem Leben geglaubt habe.
5) Dass er zu späterer Tageszeit als die Nestvögel
sein Ei legt; denn Calam. phragmit. musste doch das
3. Ei gelegt haben, bevor der Kukuk eins der 3 Eier
herausnehmen konnte.
6) Dass der Kukuk sehr unregelmässig, d. h. zu
sehr verschiedener Tageszeit, sein Ei absetzt, da ich ihn
auch schon Nachmittags und um 11 Uhr Vormittags
beim Eierlegen betroffen habe, wie ich weiter unten
erzählen werde.
Meine zweite Beobachtung machte ich auf einer Wiese.
Ich hatte auf einen Vogel meine Augen gerichtet,
der im Grase Baustoff aufnahm und damit tiefer in die
Wiese flog. Als ich im Begriff war, auf die Stelle, wo
sich der Vogel niedergelassen hatte, loszuschreiten,
kam mir ein Kukuk zuvor, der in ähnlichen Geschäften
wie ich ausgegangen war, nämlich: um Wiesenpieper-
nester zu suchen. Er steuerte aus dem nahen Walde
in gerader Richtung der Stelle zu, die den Wiesenpieper
barg, rüttelte hier, wie ich solches bisher noch nicht beim
Kukuk wahrgenommen hatte, wenige Fuss hoch über
der Wiese, Hess sich nieder, erhob sich aber sogleich
wieder, um einige Schritte weiter von Neuem zu rütteln.
Hier flog gleich darauf der Wiesenpieper auf und der
Kukuk auf die verlassene Stelle nieder. Er verweilte
ein Weilchen im Grase und eilte dann wieder dem
Walde zu. Mein Suchen nach einem Nest war zuerst
ohne Erfolg; als aber nach einer halben Stunde der
Wiesenpieper noch einmal auf die vom Kukuk besuchte
Stelle flog, fand ich durch schnelles Hinlaufen und da¬
durch, dass der Wiesenpieper dicht vor mir aufflog,
das ziemlich fertige, sehr versteckt stehende Nest.
Leider erlaubten meine Geschäfte nicht, mich den
nächsten oder den darauf folgenden Tag wieder dorthin
zu begeben, um mich von dem Vorhandensein eines
Kukukseies überzeugen zu können.
Das Auffinden dieses Nestes gelang dem Kukuk also
mehr durch Beobachten als durch eigentliches Suchen.
Im vorigen Jahre machte ich dieselbe Beobachtung
bei einem Kukuk, dessen Ei nebst 3 Bachstelzeneiern
zu Schaden gekommen war. Er gab täglich genau Acht
auf die wieder bauenden Bachstelzen und legte, wie im
Journal für Ornitholog. 1876 ausführlich berichtet ist,
nach 4 Tagen in das kaum fertige Nest der Bachstelzen
soin Ei.