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Ornithologisches Centralbktt.
Organ für Wissenschaft und Verhehr.
NacMchtsblatt des gesammten Vereins-Wesens und Anzeiger ftap Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt zum Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 21.
BERLIN, Zweiter Jahrgang.
1. November 1877.
Das ümitholoirische CentralMntt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Aus dem Leben der Sumpf- und Wasservögel des östlichen Europas.
Von L. Martin.
Schon sind es über zwanzig Jahre, als ich mich eine
geraume Zeit in der liebenswürdigen Umgebung des
Grafen W. in Galizien befand, der mit rühmenswerthem
Eifer es ebenso trefflich verstand, die rauhe Scholle
mit saftigem Grün zu decken, als dem Sport und der
Wissenschaft obzuliegen. Waren die täglichen ökono¬
mischen Geschäfte besorgt, so stand alsbald die langge¬
streckte polnische Britschko vor der Thür, auf welcher
sich der nie fehlende gestrenge Despot der Hühner- und
Jagdhunde, unser Jagdbursche, mit seiner Meute bereits
placirt hatte. Der Graf und ich Hessen nicht lange
auf sich warten, und fort ging's oft in rasender Eile,
bei welcher wir angesichts des antediluvialischen Weges
unser zartes Leben nur der ausserordentlichen Länge
unseres eben nicht nach englischem Geschmack gebauten
Fahrzeuges verdankton. Entweder trug uns diese rad¬
gezierte Arche zu nahen oder entfernten Teichen, oder
sie brachte uns in die weite grenzenlose Steppe oder
an die Uler des ins schwarze Meer sich ergiessenden
Dniester.
Diesmal geht unsere Fahrt aber nur bis an den
etwa eine halbe Stunde entfernten nächsten Teich, der
nur ein kleines Glied in einer fortlaufenden Kette von
Teichen der grbssten Art bildet.
Es war ein dicht verschleierter Morgen des Monat März,
welchem nach vielen Kämpfen mit der feuchten Atmo¬
sphäre endlich ein schöner sonniger Tag zu folgen
pflegt. Wir hatten am Abend vorher in Erfahrung ge¬
bracht, dass mit einbrechender Dunkelheit eine grosse
Schaar wilder Gänse sich in dem oberen, mehr gras-
als schilfreichen Endo des Teiches niedergelassen, um
dort der Nachtruhe zu pflogen. lieber Nacht hatten
die oberen Luftschichten durch klaren Himmel einen
bedeutenden Wärmeverlust erlitten und wirkten auf
solche Weise später hemmend und niederschlagend auf
die aufsteigenden Dünste. Je näher dem Aufgang der
Sonne, desto dichter webte sich der feuchtkühle Schleier,
dass selbst nahe Laute schon in kurzer Zeit klanglos
verhallten. In solchen Momenten pflegen die Sinne der
Menschen und selbst die der Thiere ihre Dienste gänz¬
lich oder doch theilweis zu versagen, weshalb die
minder begabten nicht selten ganz rathlos zu werden
pflegen. Diese Erscheinung tritt bei den sonst so über¬
aus scheuen Gänsen in solchen Verhältnissen ganz be¬
sonders leicht ein, und da wir diesen Zustand kannten,
so benutzten wir die Gelegenheit, um eine womöglich
grosse Anzahl derselben zu erlegen.
Wir näherten uns vorsichtig der Gegend, wo die
Gänse etwa liegen mussten, bis wir zuletzt durch ein¬
zelne Stimmen derselben" von ihrem Dasein überzeugt
waren. Doch wir hatten uns durch das Gehör um ei¬
nige hundert Schritte in der wirklichen Richtung ge¬
täuscht, denn die Gänse lagen nicht, wo wir sie ver-
mutheten, sondern hinter einem sehr breiten und tiefen
Graben, den wir nicht überspringen konnten, dagegen
auf die zeitraubendste Weise umgehen mussten. Dies
brachte uns den grossen Nachtheil, dass wir erst gegen
das Ende des stärksten Nebels bei den Gänsen ankamen,
welche, nichts Böses ahnend, eben im Begriff sein mochten,
die Weiterreise zu besprechen. In solchen Augenblicken
wird oft das Herz des mordlustigsten Menschen senti¬
mental, wo man das unausbleibliche Geschick so vieler
lebenden Wesen in der Spitze des rechten Zeigefingers
hat, und ich gestehe es gern, das« solche Affectionen