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Ornithologisches Centralbktt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr.
Nachrichtsblatt des gesammteii Vereins-Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt znm Jonrnal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 22. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 15. November 1877.
Das Ornitliologische Ontralblatt erscheint zweimal monatlich, 1 Bogen stark, und ist durch alle Postanstalten und
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Aus dem Leben der Sumpf- und Wasservögel des östlichen Europas.
Von L. Martin.
(Fortsetzung.)
Es gewährt einen ungemein schönen Anblick, diesen
kecken, aus seinen hochgelben Augen zornesblickenden
Räuber mit einem seiner blaugrauen, nackten, scharf¬
bewaffneten Fänge auf einem noch 'wildschlagenden
grossen Fisch stehen zu sehen. Die Flügel noch anfangs
nach Art der meisten Raubvögel, gleichsam als ber¬
genden Mantel um die Beute ausgebreitet, sträubt sich
das spitzige Kopf- und Nackengefieder wie eine dornige
Krone in schönster Ordnung strahlenartig aus, während
das übrige Gefieder gleichfalls sich überall locker er¬
hebt. So steht der stattliche Vogel einige Augenblicke
still, um sich nach verschiedenen Seiten sichernd umzu¬
schauen und, wenn er sich allein glaubt, mit einigen
kräftigen Schnabelhieben die Eingeweide des Opfers
herauszureissen, die er mit sichtbarer Wollust zuerst ver¬
schlingt, um mit dem übrigen Rumpf Stück für Stück
allgemach seine Mahlzeit zu vollenden. So grotesk die
Erscheinung eines beutebesitzenden Raubvogels an sich
ist, ebenso trägt sie auch etwas Tölpisches zur Schau,
wenn man das viele Zerren, Hacken und Wanken be¬
obachtet, wie ein solcher Vogel die Beute verzehrt.
Uebrigens ist unser Flussadler ein durch Bau, Be¬
fiederung und Lebensweise von den anderen Raubvögeln
so abweichendes Geschöpf, dass bei ihm eine Sonder¬
stellung im System weit gerechtfertigter ist, als bei
vielen anderen Formen. Sein knappes weisses Unter¬
gefieder, die unbehosten Beine, die rauhen, fast schup¬
pigen Fänge mit Wendezehe und die fast im Halbkreis
gebogenen Krallen scheinen ganz und gar zum Fangen
der beschuppten WasBerbewohner geschaffen zu sein.
Die Kraft, welche der Vogel beim Einschlagen der
Krallen durch einen solchen schuppenbepanzerten Fisch¬
körper entwickeln mag, muss ausserordentlich sein und
vergleichungsweise viel Aehnlichkeit mit dem Ver¬
beissen anderer Thiere haben, wenigstens sind solche
Fälle schon mehrfach bekannt, wo Flussadlerfängo in
dem Rücken grosser Fische steckend gefunden wurden,
was somit schliessen lässt, dass der kecke Räuber nicht
im Stande war, sich von dem zu schweren Fisch wieder
zu befreien, und somit an seiner Stelle das Leben lassen
musste. Bekanntlich ist der Flussadler ein Kosmopolit,
denn es giebt fast kein Land der weiten Erde, wo er
nicht vorkommt, und den ornithologischen Scheide¬
künstlern ist es trotz aller Anstrengung noch nicht ge¬
lungen, eine weitere Species an ihm herauszufinden.
Dem denkenden Naturbeobachter aber bietet der weite
Verbreitungskreis einer einzelnen Thier- oder Pflanzen-
species, vermöge der nothwendigen Abweichungen in
einzelnen Organen und Farben, durch Klima und ver¬
änderte Lebensweise hervoi'gerufen, eine Reihe weit
interessanterer und praktischerer Thatsachen dar, als
die blinde Zersplitterung in unzählige Species, und ich
werde später Gelegenheit nehmen, auf diese in neuer
Zeit durch Darwin hervorgehobene Naturanschauung
zurückzukommen.
Ein kräftiger, weithin schallender Knall, der von
den nahen Anhöhen vielfach wioderhallte, streckte auch
diesen eben mit seiner letzten Mahlzeit fertig gewor¬
denen Fisclmiuber zu Boden, und die inzwischen wieder
neugierig aufs offene Wasser sich gewagten Wasser¬
hühner plätscherten abermals in hastiger Eile dem
sicheren Versteck im dichten Bohr zu. Grosso Schwärme