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Ornithologisches Centraiblatt.
Organ für Wissenschaft und Verkehr,
Nacliriclitsblatt des gcsammten Vereins-Wesens und Anzeiger für Sammler, Züchter und Händler,
Beiblatt znm Journal für Ornithologie.
Im Auftrage der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Cabanis und Dr. Ant. Reichenow.
No. 24. BERLIN, Zweiter Jahrgang. 15. December 1877.
Das Ornifholoüisclie Centralblatt erscheint zweimal monatlieh, 1 Bogen stark, und ist. durch alle Postanstalten und
Buchhandlungen zu beziehen. Abonnements-Preis halbjährlich 4 Mark. Im Laufe des Halbjahrs eintretenden Abonnenten werden
die erschienenen Nummern nachgeliefert. Inserate für den Anzeiger 20 Pf. pro gespaltene Zeile oder deren Raum. Zuschriften
jeder Art für das Centralblatt sind an die Redaction, Prof. Dr. J. Cabanis, Brandcnburgstr. 64, Berlin S., zu richten. Mit¬
glieder der „Allgem. Deutsch, ürnith. Gesellschaft", welche direct bei der Redaction bestellen, zahlen 6 Mark praen. Jahres¬
abonnement. Dieselben haben einen Raum im Werthe ihres Abonnements kostenfrei und bei Ueberschreitung desselben nur den
halben Insertionspreis zu entrichten.
Mit dieser Nummer schliesst der Jahrgang 1877. Das hierin enthaltene Re¬
gister giebt eine Uebersicht des Inhaltes, dessen Reichhaltigkeit dem Ornithologen
sowohl wie dem Freunde einheimischer Wildvögel und dem Liebhaber ausländischer
Stubenvögel Befriedigung gewähren dürfte. Wir wiederholen unseren geehrten Mit¬
arbeitern unseren Dank für die lebhafte Betheiligung, welche sich bereits wieder
durch Zusendung zahlreicher Aufsätze und Notizen für den folgenden Jahrgang
bethätigte, und machen alle Freunde des „Ornithologischen Centralblatt's" auf
rechtzeitige Erneuerung des Abonnements aufmerksam. Die Redaction.
Ein sprechender Wellensittich.
In No. 9 dieses Blattes machte Herr Dr. Stoiker
in einein längeren Artikel interessante Mitteilungen
über einen Goldstirnsittich als Sprecher und
bemerkto dabei: „Das Sprechen der Papageien ist so
allgemein bekannt, dass der Laie glaubt, gleich bei
jedem Mitgliedc der Familie diese Kunstfertigkeit vor¬
aussetzen zu dürfen; fragte man mich doch schon bei
Wellensittichen, ob sie sprechen? Dem ist jedoch lange
nicht so!" und später: „Niemals hört man Nymphen,
Wellensittiche, Zwerg- und Schmalschnabelsittiche oder
Plattschweil'e sprechen." Diese unzweifelhaft die Hegel
kennzeichnenden Aussprüche des genannten, hoch er¬
fahrenen Vogclwirthes vervollständigen wir heut durch
nachstehenden anziehenden Artikel, den wir der „Pfäl¬
zischen Gellügel-Zeitung" ontnehmen:
*• Wohl über keinen exotischen Vogel wird schon so
viel geschrieben worden sein, als über den Wellon-
papagei. Die leichte Zähmung von jungen Exemplaren
ist bekannt, dagegen wurdo deren Naohahmungs-
talent wenn nicht ganz abgesprochen, so doch sehr be¬
zweifelt, und ich erlaube mir daher, meine nachstehenden
Erfahrungen auf diesem Gebiet zur Kenntniss zu bringen.
Seit etwas über ein Jahr bin ich im Besitze eines
Wellensittichs, der noch ganz jung und unverfärbt in
meine Hände kam. Obgleich scheinbar ein Männchen,
erhielt derselbe doch, mehr aus Zufall, den Namen
Misse, auf welchen Ruf er bald hörte. Da nach dem
Ereilassen das Einfangen im Zimmer höchst unbequem
und lästig war, so wurden dem Burschen an beiden
Flügeln die Innenfahnen der Schwungfedern ausge¬
schnitten, und wenn auch anfangs scheu, so fügte er
sich doch bald in sein Schicksal, so dass ich ihn be¬
ruhigt am offenen Fenster sitzen haben konnte.
Zu jener Zeit bekam ich von einem Freunde auch
ein Sonnenvogel-Männchen, das vom Weibchen, welches
Junge hatto, getrennt werden musste, in Kost und Logis,
und mit diesem befreundete sich mein Wollensittich
sehr rasch, so dass er boinahe don ganzen Tag auf
dessen Käfig zubrachte, wodurch er sich aus dem vom
Sonnenvogel sehr häufig vorgetragenen Gesänge sehr