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Rotfußfalke (Falco vespertinus) in der Nähe von Cuxhaven
Zufällig entdeckte W. Lemke und Verfasser am frühen Nachmittag des 29. Juli 1967 einen
Rotfußfalken. Er saß auf einem Koppelpfahl unmittelbar hinter dem Winterdeich zwi¬
schen Berensch und Spieka-Neufeld (53°48 c 30" N/8°35'00" E), Luftlinie ca. 10 km süd¬
westlich von Cuxhaven. Er flog nicht ab, als wir mit dem PKW in etwa 4 m an ihm vor¬
beifuhren. Auch das Anhalten des Wagens und das öffnen der Türen störte ihn nicht.
Als wir jedoch ausstiegen — in etwa 10 m Entfernung —, um Aufnahmen mit dem Tele¬
objektiv zu machen, flog er auf einen Querträger einer Hochspannungsleitung etwa 30 m
weiter. Langsam auf ihn zuschreitend, konnten wir wieder auf etwa 10 m an ihn heran¬
kommen und ihn fotografieren. Wir beobachteten den Greif über eine Stunde lang.
Nach einer Exkursion in das Spiekaer Tief konnten wir den Vogel an derselben Stelle
wieder ausmachen. E. Böhme, von Cuxhaven geholt, konnte mit uns gemeinsam den Vo¬
gel gegen 18 Uhr auch noch beobachten.
Nachkontrollen durch Dr. Dr. W. Panzer, Bremerhaven, am 1. August und durch uns
am 5. August blieben erfolglos.
Am 12. und 19. August entdeckten wir den Greifvogel im selben Gebiet wieder. H. Rauhe,
Osterwanna, wurde herbeigerufen und bestätigte unsere Annahme — genau wie Dr. Dr.
W. Panzer, der das Tier am 15. August beobachtete —, daß es sich um ein junges Männ¬
chen im zweiten Sommer handelte.
Als Kennzeichen bei den ersten Beobachtungen können wir folgende anführen:
Kleiner Falke, wirkt in Größe und Bewegung zwischen Baumfalke (Falco subbuteo) und Turm¬
falke (F. tinnunculus) s tehend. Gesamteindruck des Gefieders oberseits schiefergrau, unterseits heller
mit undeutlicher, ins Bräunliche gehender Fleckung und starker enger Bänderung des Stoßes. Wir
hatten den Eindruck, daß die Flügelunterseiten von vorne nach hinten heller wurden, ohne so
deutlich abgesetzt zu sein, wie auf den Zeichnungen von Suchantke (1961). Die Hosen wurden,
wahrscheinlich abhängig von der Beleuchtung, von dem einen Beobachter als gelblichorange, von
dem anderen hellrostfarben gesehen. Wir waren uns darüber einig, daß die Hosen nicht ganz ein¬
farbig, sondern leicht längsgefleckt waren. Der Schnabel war gelb, die Wachshaut orange. Das
dunkel wirkende Auge hatte einen gelben Ring. Die Fänge waren kräftig gelb.
Der Greif wurde letztmalig am 19. August gesehen; dabei stellten wir fest, daß er im
Laufe der dreiwöchigen Beobachtungszeit folgende Veränderungen durchgemacht hatte:
In beiden Flügeln fehlte am Übergang von den Hand- zu den Armschwingen jeweils 1 Fe¬
der. Der Vogel war im ganzen etwas dunkler und farbiger geworden. Am Schnabel fiel
der Unterschied zwischen der leuchtendroten Wachshaut und dem gelben eigentlichen
Schnabel mehr auf; die Hosen erschienen roter, ebenso die Fänge und Läufe. Er war da¬
durch einem ausgefärbten Männchen wesentlich ähnlicher.
Wir haben den Vogel nur in einem verhältnismäßig engen Bereich, etwa 20 ha groß,
beiderseits des Deiches beobachtet — allerdings immer nur in der Zeit zwischen 14 und
19 Uhr —. Außendeichs erstrecken sich in einer Breite von 2 km bis zur See bäum- und
strauchlose, beweidete Marschwiesen, von Zäunen unterteilt. Binnendeichs sind die glei¬
chen Marschwiesen von einzelnen Baumgruppen — Silberpappeln und Kopfweiden — be¬
standen. Der Oxstedter Bach, ein ehemaliger Priel, zieht sich in einer Breite von 3 — 4 m
schräg durch das Gelände. Parallel zum Deich verläuft auf der Innenseite ein Wirt¬
schaftsweg, an dem eine Hochspannungsleitung entlangführt. Wir hätten den Greif eher
auf dem unmittelbar anschließenden, sanft abfallenden Geestrand, der Felder trägt, die
durch Hecken und kleine Bauernwaldungen unterbrochen sind, vermutet.
Alle Beobachter stellten übereinstimmend fest, daß der Flug nicht so schneidig wie der
des Baumfalken, aber deutlich wendiger als der des Turmfalken wirkte. Beim Rütteln fiel
die dem Turmfalken gegenüber mehr waagerechte Körperhaltung auf. Beim Wechsel von
einem Rüttelplatz zum anderen machte er keinen so tiefen Bogen, wie man es beim Turm¬
falken gewöhnt ist, sondern behielt fast die gleiche Höhe. Wir haben den Falken nie höher
als etwa 12 m über dem Boden rütteln sehen. Mäuse wurden aus dem Rütteln heraus ge¬
schlagen und sofort auf Koppelpfählen gekröpft, während Insekten in der Luft gegriffen
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