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Einer so allgemein verbreiteten Tatsache muß eine Gesetz¬
mäßigkeit zugrunde liegen. Ich glaube sie für diese Frage, die
sich dem kartierenden Geologen allenthalben aufdrängt, ge¬
funden zu haben. Ich führe sie auf eine erdphysikalische Er¬
scheinung zurück (vergl. Paul REIS, Lehrbuch der Physik,
9. Aufl. Leipzig 1910 bei Ambr. Barth S. 763 1) u. 3). Im
freien Fall erhält jeder dem Trägheitsgesetz unterworfener
Körper durch die Erdumdrehung eine östliche Ablenkung.
Dies gilt auch für jedes aus beliebiger Höhe herabeilende Ge¬
wässer und für die mit ihm abwärts und vorwärts bewegten
Geschiebe. Besonders bei genau nord-südlichem und süd-nörd-
lichem Verlauf müssen die flußabwärts fallenden Gewässer
und die mit ihnen fallenden Geschiebe — insoweit sie durch
den Fall ihre Bewegung erhalten — infolge des Trägheits¬
gesetzes die stärkere Bewegung des höheren Punktes beibe¬
haltend eine östliche Ablenkung erfahren. Sie müssen allmäh¬
lich eine östliche Unterwaschung und den Nachbruch des öst¬
lichen Ufergeländes verursachen. (Die vertikalen Höhenunter¬
schiede sind m. E. dazu nicht groß genug. D. Hrsgeb.) Bei we¬
niger genau Nord—Süd verlaufenden Talrichtungen wird ein
geringerer Teil der in die Ostrichtung fallenden Kraftanteile
wirksam sein; aber sie werden immer noch bemerkbar blei¬
ben. Es ist für die Gewässer der Eiszeit ferner hervorzuheben,
daß sie fast vegetationsfreies Gelände (? d. Hrsgeb.y vor¬
fanden, daß die Wirkung des Frostes die Gesteine in hohem
Maße auflockerte, daß das Wasser bei + 4° seine größte
Dichte, sein größtes Gewicht besitzt.
In dem oben angeführten Buche ist die Erscheinung mehr
in allgemeinem Ergebnis kurz angeführt, so kommt es, daß in
der pfälzischen Literatur darauf keine Beziehung oder nur
eine irrtümliche genommen wurde. So hat Dr. G. J. LEHR
im „Pfälzischen Museum" 1928 S. 91—93 meine Deutung über
den Steilabfall des Michels- und Spielberges bei Bad Dürk¬
heim bei einem Ausflug im Spät jähr 1927 (siehe ,,Pfälz. Mu¬
seum" 1928 S. 117) nicht gelten lassen. Er glaubte, daß ich
auf das sogenannte „BAER'sche Gesetz" Bezug genommen
hätte, welches auf Grund von „Beobachtungen" an russischen
Großflüssen behauptet, daß diese Flüsse auf der rechten Seite
ihres Laufes ihre Ufer stärker angreifen. Dieses „Gesetz"
wird von Dr. LEHR wie von mir bezweifelt. Er stellt für
die in Frage stehende Erscheinung bei Dürkheim eine andere
Ansicht auf, der ich aber nicht zustimme. Dr. LEHR nimmt
an, daß durch den in unseren Breiten herrschenden Westwind
die vom Fluß mitgeführten Geschiebe an den Osthang des
Michels- und Spielberges gedrückt worden wären und dort
entlangrollend die Abschleifung zum Steilufer bewirkt hätten.
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