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hundert- und tausendfachen Gestaltung, der Irrwahn des
Mond-, Geister- und Hexenglaubens, sie alle sind Relikte aus
einer uralten heidnisch-germanisch, griechisch-römischen,
ixühgesehi entliehen u. mittelalterlichen Kulturepoche. Zum Teil
noch klar und rein erhalten, zumteil in den Schlummerzustand
der Seele übergeführt, durch tiefeinschneidende religiöse oder
politische Geschehnisse erweitert, in Name, Art und Bedeu¬
tung geändert oder neuen, anders gestalteten Verhältnissen
angepaßt, leben sie ununterbrochen weiter und bilden so in
ihrer Gesamtheit als Kultur- und Sittenbilder die Grund¬
charakterzüge eines jeden Volkes und damit auch unseres
Volksstammes.
Die vor allem im Auslande so gern erzählten Märchen von
dem Nomadencharakter der Germanen, ihrer Vorliebe zu
Trinkgelagen und ihrer „Bärenhaut" sind längst unzweifelhaft
widerlegt. Wir wissen heute mit Bestimmtheit, daß unsere
Vorfahren seßhaft und nicht bloß Jäger, sondern auch eifrige
Bebauer ihrer Scholle waren und daß lange vor den Römern
auch in unsern Landen üppige Getreidefelder wogten. Ihr
Verhältnis 'zur Natur und deren Pflanzenwelt war diktiert
vom Glauben an die Götter und so tief mit ihrer Seele ver¬
wurzelt, daß wir heute noch bei einer ganzen Reihe von
Pflanzennamen und Pflanzengebräuchen den Hauch der Vor¬
zeit verspüren, genau so wie viele unserer heutigen christ¬
lichen Gebräuche ihr Dasein in jetziger Form nur der Um-
deutung, Umgestaltung und Umbenennung altheidnischen
Glaubens gutes verdanken.
Um diese Verschmelzung verstehen und gerecht würdigen
zu können, muß man sich in die Verhältnisse der ersten Jahr¬
hunderte nach Christi hineinversetzen. Ueberall verfolgt und
gehaßt, unterzogen sich viele Christen wenigstens äußerlich
den altheidnischen Gebräuchen, wenn sie im Innern auch an¬
ders dachten und fühlten. Mit der Annahme des Christentums
schwand zwar die innere Verehrung und der Glaube an die
Macht der alten Götter selbst, aber an den alten, so unend¬
lich fest verankerten Sitten und Gebräuchen, vor allem an
den Opfern zur Gewinnung der Gunst der Gottheiten wurde
mit großer Zähigkeit festgehalten, zumal das Christentum in
dieser ersten Zeit in seiner wahren Größe noch nicht völlig
erkannt war und Bedenken und innere Warnungsstimmen
noch zu schwach waren um nicht von dem alten Geiste nie¬
dergezwungen zu werden. Der Gedanke an die alten glor¬
reichen Götter und ihre blumengeschmückten und opferbedeck¬
ten Altäre schlummerte stets leise in Herz und Hirn, oft
genug geweckt durch die heidnischen Gebete und Ge-
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