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Von der Vogelwelt der Altrheine*
Aus dem Nachlaß
von Friedrich ZUMSTEIN, Bad Dürkheim †.
I. Die Gliederung der Altrheine
nach ornithologischen Gesichtspunkten.
Ein Altrhein mit seiner Uferzone stellt einen geschlossenen
Lebensraum (Biotop) für die Vogelwelt dar. Eine Reihe von
Arten findet hier eine Brut- und Nahrungsstätte und Ver¬
stecke vor Feinden (Menschen und Tieren). Doch muß der
Gesamtlebensraum wieder in einzelne Unterbezirke geschie¬
den werden, die vor allen Dingen durch die Pflanzendecke
der betreffenden Uferzone geschaffen werden. Diese Pflanzen¬
decke wieder ist abhängig von der Bodenart (Sand, Kies,
Lößschlamm) und der größeren oder geringeren Feuchtigkeit,
namentlich also von der verschiedenen Nähe des Wassers.
Jeder dieser Unterbezirke, die sich nicht scharf trennen las¬
sen, sondern in einander übergehen, bietet einzelnen Arten
besondere günstige Lebensbedingungen (ökologische Verhält¬
nisse) und wird von bestimmten Vogelgesellschaften bewohnt.
Als Unterbezirke (auch Lebensböden genannt) sind bei den
hier besprochenen Altrheinen zu unterscheiden:
1. Die freie Wasserfläche. Als Brutstätte kommt sie
nicht in Frage. Sie ist für eine Reihe von Brutvögeln die
Nahrungsstätte und zwar nicht bloß für die in der Uferzone
brütenden Arten (Enten, Taucher, Wasserhühner, Seeschwal¬
ben, Möven, Eisvogel, Uferschwalben), sondern auch für
solche, die weiter entfernt von dem Gewässer ihre Brutstätte
haben, wie Fischreiher, Fischadler, Schwarzer Milan, Mauer¬
segler, Schwalben. Die freie Wasserfläche ist aber in den
Zugzeiten Rast- und Nahrungsstätte für zahlreiche nordische
* Anmerkung des Herausgebers. Die vorliegende Arbeit, die nicht
eigens für die „Mitteilungen" geschrieben ist, läßt im 2. Teil zwar die
streng wissenschaftliche Form, die bei den Arbeiten der Mitteilungen üb¬
lich ist, vermissen. Um so eindringlicher aber zeigt sie die enge Verbun¬
denheit von Landschaft und Vogelwelt unserer Altrheine und vermag ao
deutlicher als ein rein wissenschaftlicher Tatsachenbericht die Bedeutung
dieser Landschaft als Refugium unserer Vogelwelt und die Notwendig¬
keit ihrer Erhaltung vor Augen zu führen.
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