Seite
ORNITHOLOGISCHE MITTEILUNGEN
7. Jahrgang Nr. 6 Juni 1955
Die Beutelmeisen am Neusiedlersee
Von Hans Franke, Wien
B*). „Rohr"-beutelmeisen oder „Baum"-beutelmeisen
Wo es am Außensaum des breiten Rohrgürtels des Neusiedlersees Weidenbäume
oder Weidengebüsch gibt, an der Wulka, bei Purbach, Neusiedl und Weiden, konnte
das Brüten der Beutelmeisen während der vergangenen dreißig Jahre von mehreren
Beobachtern (Bauer, König, Lugitsch, Seitz und mir) öfter nachgewiesen
werden. Die dort von mir seit 1924 an schmalblätterigen Weiden gefundenen Nester
unterscheiden sich in der Bauart von den Nestern der Donauauen gar nicht und wie¬
sen auch die gleichen Stufen während ihrer Entstehung auf. Bloß der Hopfenbast
fehlte und war durch Fasern, die offenbar von Gräsern stammten, ersetzt. Alle Nester
bis einschließlich 1952 kamen erst ab Mitte Mai, nie früher, zur Beobachtung. Dies
war zunächst der einzige Unterschied gegenüber den Beutelmeisen der Donauauen,
die schon Ende März, Anfang April mit dem Nestbau beginnen.
Der erste Nachweis eines Rohrnestes (Seitz 1939) warf viele Fragen auf: Gibt es am
Neusiedlersee zwei Formen — vielleicht sogar rassisch verschiedene — der Beutel¬
meise, solche, die völlig dem Schilfrohr verhaftet sind, und solche, die zumindest als
Nistplatz einen Baumzweig brauchen? Oder schwankt ihr Verhalten innerhalb so wei¬
ter Grenzen, daß der gleiche Vogel Zweignester und Rohrnester bauen kann?
Zunächst aber sah es aus, als wären die „Rohr"-beutelmeisen äußerst seltene Aus¬
nahmen, weil ja über sie weder Beobachtungen gemacht noch auch Nester — trotz
ausgedehnter Rohrnutzung! — im Schilf gefunden wurden. So lag der Gedanke nahe,
mit einer von den hiesigen „Baum"-beutelmeisen verschiedenen Form zu rechnen, die
in geringer Zahl in den riesigen Rohrwäldern Fuß gefaßt hatte.
Meine Erfahrungen während der Jahre 1953 und 1954 zeigten jedoch, daß das Leben
aller am Neusiedlersee nistenden Beutelmeisen vom Rohre her bestimmt wird, so daß
ich auch jene, die hier ihre Nester an Zweige hängen, als „Rohr"-beutelmeisen an¬
sprechen möchte.
Mit einer — bisher! — einzigen Ausnahme: Am 24. 3. 1953 geleitete mich Herr
Lugitsch zu dem letzten Weidenbaum, der nahe dem Ende der langen Damm¬
straße steht, die von Neusiedl her quer durch den Rohrgürtel zum freien Wasser des
Sees führt. Dort hing eineinhalb Meter über dem Sumpfboden eine prachtvoll ge¬
arbeitete Grundschlinge und dort baute das Paar mit großem Eifer, ein Bild, das mir
von den Donauauen gar wohl vertraut war. Und gerade dieses Nest mußte leider, zum
reizenden Körbchen gediehen, wegen eines Dammbaues abgenommen werden.
Nach diesem ersten Nestbau erwartete ich voll Zuversicht, die zahlreichen Beutel¬
meisen, die seit Märzmitte überall im Rohr und auf den Weiden riefen und sangen
und teils truppweise, teils auch paarweise umherzogen, würden nun an den zahl¬
reichen Weidenbäumen der über 1 km langen Dammstraße zu bauen beginnen. Aber
nichts dergleichen geschah. Wohl sah ich am 30. 3. dort ein Paar „leer", d. h. ohne
Baustoff, und ein Männchen mit einem Grasblattstück und etwas Rohrkolbenwolle
wickeln; doch das war hier für lange Zeit die letzte Beobachtung.
Erst gegen Ende Mai begannen die Beutelmeisen in dieser Weidenreihe zu bauen
(nur die Ostseite des Dammes ist längs eines Kanales mit Weiden bepflanzt) und ich
fand dort am 2. 6. ein Körbchen, am 23. 6. eine Grundschlinge, am 26. 6. eine offene
Birne, am 3. 7. eine offene Birne sowie eine Grundwicklung und am 22. 7. eine Grund¬
wicklung. Die meisten dieser Nester wurden abgerissen, so daß nur in einem Junge
hochkamen.
*) Der erste Teil dieses Aufsatzes ist im Heft 6/7, 1954, auf Seite 159 dieser Zeitschrift.
101