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Zwei Fälle von Mischgelegen der Kohl- und Blaumeise ( Parus major und P. caeruleus)
Bei einer Kontrolle meiner Vogelnistkästen beobachtete ich am 26. 4. 1954 im west¬
lichen Auwald bei Ingolstadt/Donau eine Kohlmeise beim Nestbau. Dieses Nest
enthielt am 3. 5. vier Eier. Bei meiner nächsten Kontrolle am 15. 5. jedoch zählte ich
zu meinem Erstaunen 19 Eier, unter denen sich deutlich 7 hellere Blaumeisen¬
eier erkennen ließen (siehe Bild!). In der nun folgenden Zeit wurde dieses „Riesen¬
gelege" stets von der Kohlmeise bebrütet und am 22. 5. schlüpften die ersten Jungen.
Am 29. 5. fehlte ein Blaumeisen-Junges; außerdem lag ein unbefruchtetes Blau-
meisenei im Nest. Die übrigen 5 Blaumeisen wurden gleichwertig mit den 12 Kohl¬
meisen von den Altvögeln gefüttert und blieben in der Entwicklung nicht hinter die¬
sen zurück. Als um den 10. 6. jedoch die Hauptzahl der Meisen ausflog, blieben 3
Blaumeisen im Nest; sie lagen am 12. 6. verhungert im Nistkasten, da sich die Pflege¬
eltern in keiner Weise mehr um sie kümmerten.
Anders erging es in einem kaum einige 100 m entfernt hängenden Nistkasten, in
dem ich am 15. 5. ebenfalls in einem Kohlmeisengelege 7 Blaumeiseneier vorfand.
Zwar blieben auch hier 2 Eier unbefruchtet zurück, hingegen flogen am 12. 6. 11 Kohl¬
meisen und 5 Blaumeisen aus.
Daß sich diese beiden Fälle von Mischgelegen auf einem so engen Raum ereigneten,
ist meines Erachtens nur auf Brutraummangel zurückzuführen. In dem betreffenden
Vogelschutzgehölz, das wir erst heuer errichteten, waren nämlich 100% aller Nist¬
kästen sofort bewohnt.
Bemerkenswert erscheint mir, daß sich die Blaumeisen in beiden Fällen nicht weiter
um ihr Gelege kümmerten und niemals am Nistkasten gesehen wurden. Ob die Blau¬
meiseneier im zuletzt erwähnten Fall von dem Weibchen aus einem rd. 30 m entfernt
hängenden Nistkasten stammten, in dem um die fragliche Zeit ein Blaumeisengelege
ausgeplündert wurde, konnte ich nicht feststellen; die Vermutung lag jedoch insofern
nahe, als die Blaumeise hier nicht häufig vorkommt.
Alle erwähnten Jungmeisen wurden mit Ringen der Vogelwarte Radolfzell gekenn¬
zeichnet, und bereits im Oktober 1954 gelangen am gleichen Ort einige Wiederfänge
dieser von Kohlmeisen erbrüteten Blaumeisen.
Hubert Weinzier 1, Ingolstadt/Donau, Parkstraße 6
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