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Übersommernde Weidenlaubsänger (Phylloscopus collybita)
Im bebauten Stadtgebiet von Nürnberg fehlen Bodennister, wie Rotkehlchen und
Zaunkönig, woran auch die große Zahl streunender Hauskatzen Schuld tragen mag.
Eine Ausnahme hiervon scheint der Weidenlaubsänger zu machen, dessen einfaches
Lied man häufig in Anlagen und Gärten hören kann. Dabei fiel mir auf, daß man
immer nur einzelne Männchen (ohne die dazu gehörigen Weibchen oder Jungen) beob¬
achten konnte. Auch hielten sich diese vielfach an örtlichkeiten mit kurzem Gras¬
wuchs und spärlichem Gebüsch auf, die als Nistplätze für solche Vögel völlig unge¬
eignet erschienen. Genaue Aufzeichnungen bewiesen mir weiter, daß diese Weiden¬
laubsänger vom März bis Oktober ohne jede Unterbrechung sangen. Wenn auch nach
Jouard und Prenn¹) das Män n chen des Weidenlaubsängers weder an der Fütte¬
rung des brütenden Weibchens noch an der der Jungen teilnimmt, so dürfte es doch
in dieser Zeit wenigstens den Gesang einstellen.
Ich halte daher diese von mir in Nürnberg beobachteten Dauersänger, deren Zahl
im bebauten Stadtgebiet 30—50 betragen mag, für ungepaart gebliebene Übersom-
merer. Beim Weidenlaubsänger scheint demnach in manchen Gegenden eine Über¬
zahl an Männchen zu bestehen, die keinen Ehepartner gefunden haben und den Som¬
mer in Stadtgärten verbringen.
Daß dieses Mißverhältnis der Geschlechter in unserer Gegend schon länger besteht,
beweist auch nachstehende Beobachtung Genglers ² ) aus dem nahen Erlangen:
„Meinen Aufzeichnungen nach bleiben jetzt viel mehr Weidenlaubsänger, z. B. im
Erlanger Schloßgarten den ganzen Sommer, als noch vor 10 Jahren, wo der Vogel
wohl auch zahlreich bis Mitte April da war, dann aber bis auf ganz wenige in die
Wälder hinaus verschwand".
Soweit Gengier. Auch der Erlanger Schloßgarten, eine relativ kleine, viel began¬
gene, meist aus hohen, schattigen Bäumen bestehende Anlage, bietet keinerlei ge¬
eignete Nistplätze für Bodenbrüter. Nun, wird man mir entgegnen, diese Weiden¬
laubsänger sind eben nichts anderes als die Brutreserve, die auch schon bei an¬
deren Vogelarten, wie Waldlaubsängern, Schwarzplättchen und Gartengrasmücken,
beobachtet wurde. Dies mag stimmen. Auffallend ist nur, daß man bei anderen, häu¬
figen Vogelarten nichts davon bemerkt, und daß sich diese Weidenlaubsänger in der
Großstadt, also an örtlichkeiten aufhalten, wo sie ein ausscheidendes Männchen gar
nicht ersetzen können.
Schrifttum:
1) Niethammer: Handbuch d. deutsch. Vogelk. I, S. 289.
2) J. Gengler : Die Vogelwelt Mittelfrankens, Verh. Orn. Ges. Bay. 16, S. 171 (1925).
E. Gebhardt, Nürnberg, Meisterleinsplatz
Wanderfalke (Falco peregrinus) im Segelflug
Daß Greifvögel die Aufwinde zum Schwebe- bzw. Segelflug auszunützen verstehen,
ist bei verschiedenen Arten, z. B. Adlern, Bussarden und Milanen wohlbekannt. Daß
aber auch der Wanderfalke von dieser Möglichkeit Gebrauch machen kann, lehrte
mich eine Beobachtung an dem nördlich von Osnabrück aufragenden, durch seine
Kohleschichten bekannten Piesberg. Am 10. April 1954 nachmittags sah ich hier einen
weiblichen Wanderfalken — seit Herbst 1945 mein 4. bei Osnabrück beobachtetes
expl. — in etwa 70 m Höhe bei steifem südöstlichem Wind von S her in geradem Flug
rasch herankommen. Zu meinem Erstaunen stellte er am Berghang unvermittelt sein
charakteristisch kraftvolles Flügelschlagen ein und ging, offenbar in tragende Auf¬
winde geraten, in einen typischen Schwebeflug über, der ihn zunehmend höher führte.
Etwa 6 Min. konnte ich den schwebenden Falken im Leitz 15 x gut verfolgen: leicht
schaukelnd hielt er sich im Gleichgewicht, nur hin und wieder 1 bis 2 oder 3 blitz¬
schnelle Flügelschläge zur Balancekorrektur einschiebend. Schließlich entschwand er
hoch im Dunst in NNO-Richtung, ohne bis dahin zur üblichen Flugbewegung wieder
übergegangen zu sein. H. Kumerloeve, Osnabrück, Moltkestraße 19.
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