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Zum Thema „Vogelmord"
Der „Vogelmord" in Italien beschäftigt seit geraumer Zeit die deutsche Öffentlichkeit. Der
bayerische Landesbund für Vogelschutz ist dauernd mit diesem Problem befaßt und setzt sich
wie andere Verbände für eine Abstellung des Massenvogelfanges ein. Das Problem ist aller¬
dings nicht ganz so einfach, wie es in der Öffentlichkeit gesehen wird.
Zunächst gibt es in Italien, wie der Deutsche Bund für Vogelschutz mitteilt, rund 60 000 An¬
gehörige von Tierschutzvereinen und 1600 Vogelschützer, die sich im eigenen Land gegen die
Vogeljagd einsetzen. Diese Verbände brauchen dringend unsere Unterstützung. Der Landes¬
bund ist zusammen mit anderen Verbänden und Instituten der Bundesrepublik in der
Deutschen Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz vertreten. Dieser Internationale
Rat bemüht sich seit Jahren durch sachliche und diplomatische Intervention, das Problem zu
lösen. Wie wir bereits berichteten (Mitteilungsblatt 1972/4), war diesen Bemühungen im Falle
Belgien bereits ein Erfolg beschieden.
Der Weg, den wir als Landesbund hier zu gehen haben, ist der sachlicher Argumentation. Die
von verschiedenen privaten Gruppen vertretene Ansicht, Italien müsse als Urlaubsland und
als Wirtschaftspartner boykottiert werden, ist unrealistisch und führt zu keiner Lösung, wohl
aber zu einer Verhärtung der Fronten.
Was würden wir übrigens sagen, wenn andere Staaten Europas zu einem ähnlichen Boykott
der Bundesrepublik aufriefen?
Sie hätten allen Anlaß dazu, denn:
— die Bundesrepublik ist einer der größten Singvogelmärkte Europas (wir finanzieren durch
massenhafte Einfuhr von Singvögeln zur Stubenvogelhaltung den italienischen Vogelfang
mit!);
— in der Bundesrepublik werden zentnerweise tiefgefrorene Vogelleichen der seltensten
Arten eingeführt, um als Dekorationsstücke verarbeitet zu werden (Versandhäuser bieten
ausgestopfte Bussarde, Eulen usw. an; eine Münchener Dirndlfirma handelt mit Bussard¬
präparaten per Versand; Andenkengeschäfte in Ferienorten halten zu Dutzenden Vogel¬
präparate feil usw.);
— die Bundesrepublik hat die 1950 verabschiedete internationale Vogelschutzkonvention
immer noch nicht unterzeichnet, weil man auf die Frühjahrsjagd der Waldschnepfe nicht
verzichten will;
— in der Bundesrepublik werden Hunderte von seltenen Greifvögeln von privater Hand ge¬
halten und laufend der Natur entnommen, wobei Raubzüge deutscher „Liebhaber" in alle
Länder Europas zu registrieren sind.
Italien ist also nur der Gipfel eines Eisberges, wie man so schön sagt. In Südfrankreich
werden alljährlich viele Greifvögel, Tausende von Tauben usw. abgeschossen; in Israel ver¬
nichtet man rücksichtslos einheimische Vögel und durchziehende Zugvögel mit Gift, auch
wenn wirtschaftliche Schäden gar nicht einwandfrei erwiesen sind und auch in Nordafrika
werden unsere Zugvögel nicht gerade liebenswürdig empfangen. Das sind nur einige Hinweise
auf tödliche Bedrohungen unserer Vogelwelt.
Wir wollen damit den Fall Italien nicht herunterspielen. Um es nochmals zu betonen: Der
Landesbund sieht eine seiner Aufgaben darin, diesen Übelstand mit Nachdruck zu beseitigen.
Doch: Nicht unkontrollierte Emotion, sondern harte sachbezogene Arbeit kann letzten Endes
zum Erfolg führen. So wie viele unserer Mitglieder sich an Unterschriftenaktionen und Peti¬
tionen beteiligen, wird der Landesbund seinem Auftrag über die mit ihm zusammenarbeitenden
Fachgremien und ihm zur Verfügung stehenden Verbindungen nachkommen. Schon ein guter
Kompromiß in dieser Angelegenheit würde vielen Vögeln das Leben retten. Allerdings dürfen
wir nie vergessen, auch von unserer eigenen Türe zu kehren. Viel bleibt hier noch zu tun!
Dr. E. Bezzel, Staatl. Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen
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