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Schwarzkehichen (Saxicola torquata) greift eigenes Junges an
Während eines Aufenthaltes an der südenglischen Küste in der Nähe von Bridport (Dorset)
konnte ich am 26. 7. 1973 folgende Beobachtung machen:
In einer buschbestandenen Bodensenke in unmittelbarer Küstennähe fütterte ein Schwarz¬
kehlchenpaar seine 4 flüggen Jungen. Nicht weit entfernt davon war ein Paar Trauer-
bachstelzen (Motacilla alba yarrellii) ebenfalls damit beschäftigt, seine 3 flüggen Jungen
zu füttern. Plötzlich flog das Trauerbachstelzen- ß in Richtung der Schwarzkehichen und
landete etwa 2 m neben dem Schwarzkehichen-^. Dieses griff das Trauerbachstelzen- $ sehr
heftig an, so daß es sofort abflog.
Im selben Moment landete eben an der Stelle, an der das Trauerbachstelzen- $ gesessen
hatte, ein junges Schwarzkehichen. Es wurde sogleich von seiner Mutter angegriffen. Der
weibliche Altvogel ließ aber sofort wieder von seinem Jungen ab, blieb etwa 1 m davor sitzen,
hielt einen Moment lang den Kopf schief in Blickrichtung auf sein Junges, brachte dann den
Kopf wieder in „Normalstellung" und fing daraufhin an, sich zu putzen. Das Junge kam zu
seiner Mutter gehüpft und bettelte um Futter. Sie putzte sich jedoch weiter, noch etwa
1 Minute lang, und flog dann ab.
Das Trauerbachstelzen-(5 war Auslöser für das aggressive Verhalten des Schwarzkehichen-^.
Durch die sofortige Flucht des Aggressionsobjektes konnte die einmal in Gang gesetzte
Reaktion nicht in vollem Maße ablaufen, sie richtete sich auf ein „falsches" Objekt, nämlich
das eigene Junge. Nachdem des Schwarzkehichen-^ erkannt hatte, daß es sein eigenes
Junges angegriffen hatte, geriet es in eine Konfliktsituation. Es kam zu einer Übersprungs¬
handlung, die sich in Putzen äußerte.
(Def. Übersprungshandlung: Das plötzliche Übergehen einer ablaufenden Handlung in eine
andere. Übersprungshandlungen treten auf, wenn der natürliche Ablauf einer Handlung ge¬
bremst wird bzw. Konfliktsituationen entstehen. Die gestaute Erregung springt gewissermaßen
auf ein anderes Geleise über und findet hier ihren Ausfluß.
Literatur
Eibl-Eibesfeld, I. (1972): Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung
Tinbergen, N. (1940): Die Übersprungbewegung. Z. f. Tierpsychol. 4, p. 1—40
Herbert Zucchi, D 355 Marburg/Lahn, Biegenstraße 5
Steinkauz (Athene noctua) jagt zu Fuß nach Heuschrecken
Als ich am 28. 8. 1973 gegen 3.40 Uhr die Straße zwischen Stuttgart-Steinhaldenfeld und
Obere Ziegelei befuhr, bemerkte ich auf der Höhe des Hauptfriedhofes einen Steinkauz, der
im Scheinwerferlicht des Wagens mitten auf der Straße saß. Der Kauz blieb trotz Annäherung
des Pkw sitzen, knickste nur mehrmals arttypisch auf und nieder und ließ sich nicht zum Ab¬
fliegen bewegen.
Da um diese Zeit noch jeglicher Kraftfahrzeugverkehr fehlt, bremste ich schließlich unmittelbar
vor ihm ab und konnte nun aus nächster Nähe den Grund seiner Ausdauer erkennen.
Zahlreiche Heuschrecken bevölkerten die warme Asphaltstraße und geschickt ging der Stein¬
kauz diesen zu Fuß nach. Dabei hielt er immer wieder Ausschau, um dann mit dem Fang
eine Heuschrecke zu fassen. Dieses bewerkstelligte er äußerst elegant. Hatte er ein Opfer
erspäht, so lief er einige Schritte darauf zu, hielt kurz inne und schlug dann schnell mit dem
Fang zu. Gleich an Ort und Stelle wurde die Beute gekröpft. Rund ein Dutzend solcher Fänge
konnte ich innerhalb kurzer Zeit registrieren.
Als ich schließlich einen Bus kommen hörte, fuhr ich rückwärts in einen Feldweg hinein. Das
große Fahrzeug näherte sich rasch und als der Fahrer im Scheinwerferlicht den Kauz erkannt
hatte, bremste er den Bus ab. Trotz zischender Druckluftbremse verharrte der Kauz und ließ
den Bus bis auf 1 m langsam heranrollen, ehe er sein „Jagdgebiet" aufgab. Er blockte un¬
mittelbar neben der Straße in einem Obstbaum auf, ließ den Bus vorbei und kehrte sofort
wieder zurück, um sich den Heuschrecken aufs neue zu widmen.
Sein Verhalten erkläre ich mir folgendermaßen: Zum Ersten suchten die Heuschrecken die
warme, trockene Asphaltstraße auf, da die umliegenden Wiesen und Gärten stark mit Tau
behangen waren. Dies nun war für den Kauz ein leichtes Beutemachen, da auf der ebenen
Straße die Heuschrecken für ihn gut erkennbar waren. In seinem Jagdeifer sowie angesichts
der großen Fülle von Beutetieren, ließ er jegliche Vorsicht außer acht. Von einem schnell
heranfahrenden Fahrzeug wäre er deshalb ohne Zweifel überfahren worden.
Gerhard Adam, D 7 Stuttgart 50, Pelikanstraße 17
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