Illustrierte Wochenschrift für Tier= und Pflanzenfreunde
für Sammler und Liebhaber aller naturwissenschaftlichen Zweige. Organ des Verbandes der Aquarien- und Terrarien-Freunde und vieler anderen Vereine.
No. 5 o. I Sonntag, den 15. Dezember 1901. j 3. Jahrgang.
Der Vöglein Winterklage.
Von Dr. Victor Hönning.
ahin sind die Tage der Rosen, entschwunden ist die goldene Minnezeit, nicht die grünen Laubbäume und blühenden Büsche und Sträucher laden uns mehr ein, in ihnen fröhlich und heiter unsere Lieder anzustimmen. Kalt und traurig strecken sie ihre Zweige aus, sie, die zur Sommerzeit uns so- freundlich einluden, in ihrem grünen Gezweige unsere kleine Wiege herzurichten, die mit ihren Blättern unser kleines Haus schützten und mit sanftem Geflüster unsere brütende Gattin unterhielten. Der Tod hat Bäume und Sträucher mit rauher Hand gestreift, blätterlos und wehmütig stehen sie da, bis der Junker Lenz wieder Einkehr hält und die Natur aus dem Todesschlummer erwacht.
Unsere Freunde haben uns längst verlassen, eilenden Fluges sind sie der grimmen Hand des Winters entronnen, um in den südlichen Gefilden, umgeben von farbenprächtigen Blumen und grünenden Fluren, die Rückkehr des Frühlings abzuwarten. Wir aber können uns von der teuern Heimat nicht trennen, wir halten auch in der trüben Zeit fest an der heimatlichen Scholle und ziehen fröhlich im Lande umher. Wenn aber die Herbststürme mit den Blättern ihr tolles Spiel getrieben, wenn die Bäume
ihren Schmuck verloren haben, dann kehrt der Winter mit Eis und Schnee ein und Kummer und Sorge beschleichen unser kleines Vogelherz.
Felder und Wälder sind in das Leinentuch eingehüllt und wir finden oft nicht ein Plätzchen, das uns Nahrung bietet. Ach, der Hunger thut so weh ! Finden wir nur selten ein Körnchen oder Krümchen, dann kann unser Körper der Kälte nicht standhalten; fröstelnd suchen wir ein sonniges Fleckchen auf, aber in kurzem müssen wir doch der lieben, heimatlichen Stätte Lebewohl sagen, eine bitter kalte Nacht macht unsere Glieder erstarren, wir verlieren den Halt, ein schneidender Wind zaust uns vom Aste herab und ohne Sang und Klang finden wir unsern letzten Ruheplatz unter der glitzernden Schneedecke.
O, wüsstet Ihr Menschen, wie sehr wir die Heimat lieben, wie teuer uns ihre Huren sind und wie gern wir uns auf Wiesen und Auen, in Feld und Hain umhertummeln und uns auf schlanken Zweigen wiegen, wie wir heiter der goldenen Himmelskönigin huldigen, wie sehr wir am Leben hängen — Ihr würdet uns im Winter nicht im Stich lassen, wenn die Not uns drückt. Quält uns nicht der Hunger zu heftig, dann wollen wir gern, Menschen, auf Eure Gaben
