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ein grelles Schlaglicht auf die Denkart, auf den Scharfsinn eines Volkes.

Der chinesische Fischfang und die Fischzucht haben viele solcher Eigen­tümlichkeiten für uns; eine davon, der wir höchstens den Titel eines Sports beilegen würden, ist der Fischfang mit Kormoranen. Der chinesische Kor­moran (Phalacrocorax sinensis) ähnelt in der Gestalt sehr der uns wohlbekann­ten und bestgehaßten Scharbe, seinem nächsten Verwandten; in der Färbung unterscheidet er sich aber von ihr. Oben ist er schwarzbraun, während die Bauch­seite weißlich mit braunen Flecken er­scheint. Der Hals und die Vorderbrust sind weiß, der Schwanz ist abgerundet und zählt 12 Steuerfedern. Die Iris ist blau; der lange, breite und am Ende leicht hakenförmig gebogene Schnabel ist gelb; die schwärzlichen Füße besitzen Schwimmhäute, die alle Zehen verbinden. Der in klassischen Büchern gebrauchte Name unseres Vogels ist Lu-tze oder Lu-tzu; im Volksmunde heißt er-ping, d. i. Fischfalke, oder-ya Fischkrähe. Seine nördliche Verbreitungsgrenze schei­nen die Gestade von Kamschatka zu sein; sehr verbreitet ist er an den Küsten, auf den Flüssen und Seen Chinas und der Mongolei.

Der Kormoran legt vom zweiten Lebensjahre an zweimal jahrlich, doch wird beim dressierten Vogel nur die erste Brut zugelassen, da zur zweiten das Wetter bereits zu kalt ist. Das zweite Gelege wird weggeworfen; ein Genuß des Eies unterbleibt seines ekelhaften Geruches wegen. Zum Brutgeschäft wird dem gefangenen Vogel an einem dunklen Orte ein Nest aus Stroh hergerichtet, doch sind die Kormorane schlechte Brüter, so daß man häufig vorzieht, Hennen mit dieser Aufgabe zu betrauen. Nach 25 30 Tagen schlüpfen die jungen Kormorane aus und werden, da sie gegen Kälte sehr empfindlich sind, den Pflege­müttern weggenommen und in mit Wolle gepolsterte Körbchen gelegt. In den ersten Tagen ihres Lebens erhalten sie sehr fein gehacktes Ochsenfleisch oder einen Brei von gekochten Bohnenhülsen mit Aalfleisch als Nahrung; einige Schrift­steller nennen Aalblut als erstes Fütter

der jungen Vögel, doch ist dies nicht bewiesen. Die Fütterung findet dreimal täglich statt. Später werden den Bohnen­hülsen kleine Fische beigegeben.

Schon nach kurzer Zeit nimmt der Irischer die Vögel, die er zum Fischfang abl ichten will, mit auf sein leichtes Fahr­zeug, wo sie unter den erwachsenen und dressierten Kormoranen gleichmäßig ver­teilt auf beiden Seiten des Vorderteils des Schiffes Platz nehmen. Sind die jungen Vögel kräftiger geworden, so setzt man sie auf das Wasser, wo sie, die dressierten Artgenossen nachahmend, kleine, ihnen zugeworfene Fische auf­fangen. Nachdem die Kormorane völlig erwachsen sind, bindet man ihnen eine Schnur um einen Fuß und jagt sie mit einem, meist gabelförmig gestalteten Bambusstab in das Wasser. Das freie Ende der Schnur wird, je nachdem die Dressur vom Lande oder Boote aus er­folgt, am Lande oder Boote befestigt. Da jetzt den Tieren die Nahrung spär­licher gereicht wird, so stürzen sie sich gierig auf die ihnen zugeworfenen Fische und werden daran gewöhnt, mit dem Fang auf einen Pfiff zurückzukehren. Folgen sie nicht gutwillig, so werden sie an der Schnur herbeigezogen. Ein Ring aus Eisen, Schnur oder Rohr, der um ihren Hals gelegt ist, verhindert das Verschlingen des aufgefangenen Fisches; die gemachte Beute wird dem zurück­kehrenden Vogel abgenommen. Da den jungen Vögeln alte, gut abgerichtete beigegeben sind, so macht die Dressur rasche Fortschritte; schon nach 7 bis 8 Monaten haben die jungen Vögel aus­gelernt. Die um den Fuß des lernen­den Vogels gelegte Schnur wird auf etwa 1 m Länge verkürzt, am freien Ende nunmehr ein Schwimmer angebracht.

Der Fischfang geht in folgender Weise vor sich: Der Fischer schlägt mit dem gabelförmigen Stab auf das Wasser, worauf sich sämtliche auf dem Boot be­findlichen Kormorane in das Wasser stürzen, um zu fischen. Hat ein Vogel einen Fang gemacht, so kehrt er in das Boot zurück, woselbst ihm der Fisch abgenommen und in den bereitstehenden Behälter gelegt "wird. Aber nicht nur der im Schnabel befindlichen Beute be-