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lleber Obsteultur.
Ein Jeder, der sich mit Horticultnr beschäftigt, möge, wenn er in England ist, nicht verabsäumen, von London mittelst Eisenbahn nach Frogmore zn fahren, um dort die Kückengärten der Königin von England in Augenschein zu nehmen. Man kan» mit gutem Gewissen sagen, es ist dies Etablissement das einzig prachtvolle in Europa, in großartigem Styl angelegt und ganz allein für Obstund Gemüsccultur bestimmt. Die Herstellung der Glas- Häuser, um Pfirsiche, Aprikosen, Wein und andre Obst- Gattungen im Winter zu treiben, hat an 60,000 Pfund Sterling gekostet; all diese Gewächshäuser sind von Stein und Eisen erbaut und alle dermaßen in regelmäßige Linien eingetheilt, daß jedes an tausend Fuß Länge hat. Diese Häuser sind wieder in verschicdne Abtheilungen getrennt, um die Obstgattungen nach den verschicdnen Jahreszeiten darin zu cultiviren und zur Reife zu bringen; sie werden durchgehendö mit heißem Wasser geheizt und sind außerdem noch mit Dampfheizung »ersehn; jede Abtheilung, welche gewöhnlich 24 Fenster zählt, ist mit einer eignen Maschine »ersehn, an welcher alle diese Fenster befestigt sind, so daß der Gäriner, um die Fenster zu öffnen oder zu schließen, nur die Maschine ein kleinwenig in Bewegung setzen darf.
Ich habe ziemliche Zeit in diesem Etablissement zugebracht und muß gestehn, daß, wenn man auch noch so genau irgend einem Fehler oder Bcrsehn nachspürt, mau nicht de» kleinsten Mangel, nicht die mindeste Un- Achtsamkeit zu entdecken vermag. Man sicht, daß ringsum Alles stets mit Fleiß und Emsigkeit betrieben wurde und noch immer wird, daß der Cultur von Obst und Gemüse die größte Sorgfalt und Aufmerksamkeit zugewendct wird und daß all' diese mühsam gezognen Obstbäume als Muster für alle Gärten Europa's dienen könnten; all' diese zahllosen Bäume sind zu herrlichen, fruchttragenden Exemplaren herangebildet und zeugen in all' ihren verschiednen Formen, daß Kunst und Erfahrung sich bei dieser Cultur die Hand geboten; besonders ist die Art und Weise zu bewundern, mit der die Obstbäume durch Zurückbicgcn der Äste zum Fruchttragen gezwungen werden. Das Bcr- fahren jedoch, welches man bei Ziehung des Wcinstocks anwendet, gefällt mir bei Weitem nicht in dem Grade, wie die holländische und französische Behandlungsweisc; das angewandte Verfahren scheint eine Abstammung von der französischen Domerie-Cultur zu sein. Der Stock wird auf ganz andre Art als bei den Franzosen beschnitten, man schneidet sämmtlich junges Holz an demselben weg und läßt nur den alten Rumpf ohne Augen stehn, daher der Stock gezwungen ist, aus der alten Rinde abermals junge Augen zu treiben, wodurch nach meiner Meinung der alte Stamm sehr geschwächt wird. Ich muß auch
gestehn, daß wohl Trauben am Stock hingen, jedoch waren sie nicht so zahlreich und reichhaltig, als ich in vielen andern Weinculturen gefunden, somit auch von einem frühern Reisen der Trauben wie in holländischen Treibereien keine Rede sein kann. In der günstigen Jahreszeit beginnt der Weinstock erst, seine Triebe in Thätigkeit zu setzen und während man in Holland schon Ende Februar reife Trauben am Stock findet, sieht man sie dort erst Ende April.
Was die Cultur des Obstes an Spalieren betrifft, io findet man die auserlesensten Exemplare von Spalier- Obstbäumen im Gesellschaftsgarteu zu Chiswick (5 engl. Meilen von London und 1 Meile von Kew), in welchem hauptsächlich die besten und edelsten Sorten aus allen Ländern, welche cultivirt zu werden verdienen, zusammengebracht und der sorgfältigsten Pflege übergeben sind. Diesem wahrhaft prachtvollen Garten haben wir in Österreich die vorzüglichsten und besten Sorten zu verdanken, sie wurden durch den k. k. Hofgärtner Hrn. Rauch zu Schönbrunn bei Wien eingeführt und der aufmerksamsten Pflege unterzogen.
Herr Rauch hielt sich eine Zeit lang in jenem großartigen Gesellschaftsgarteu auf nnd da er sich früher schon mit Obsteultur beschäftigt, so bot sich ihm dort eine reiche Gelegenheit, seine in diesem Fach bereits errungnen Kenntnisse noch mehr auszubreiten. Der Dircctor des besagten Gesellschaftsgartens erlaubte Hrn. Rauch, von den besten Sorten Zweige nach Österreich mit zu nehmen und so sind wir in Besitz der ausgezeichneten Äpfel, Birnen und andrer Obstsorten gekommen, von denen viele andre Cul- turanstalteu noch gar keine Ahnung haben. Nach Verlauf von vierzehn bis fünfzehn Jahren lernte man alljährlich die ausgezeichneten Früchte dieser edlen Sorten allmählig kennen; den» Herr Ranch hat, um von den mitgebrachten Reisern so viel nnd so bald als möglich Nutzen zu ziehn und den Werth der Früchte schätzen zu können, den größten Theil der alten Obstbäume, welche wohl aus großen, schönen Exemplaren bestanden, nicht aber lohnende Früchte trugen, mit den neuen, mitgebrachten Obstrcisern frisch aufgepelzt, dadurch viele hundert Obstbäume wieder erneut nnd verjüngt und zugleich einen ungeheuren Vorsprung an Zeit gewonnen.
Zwischen Veredeln und Neubekleiden alter Obstbäume ist wohl ein großer Unterschied; behandelt man einen solchen nach gewöhnlicher Art, indem man nämlich alle Äste bis auf drei, vier Stupfer wegschncidct und auf diese frische Zweige pelzt, so werden diese wohl sehr üppig wachsen, jedoch aber nicht die Vortheile bieten, welche Herr Rauch durch sein einfaches, aber erfolgreiches Verfahren uns jetzt beweist. Man kann somit nach dessen Versuchen auf einen Baum mehrere hundert Pelzer aufsetzen, so daß man an allen Theilen, wo nur immer Triebe
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