Der Obstbau. 1887.
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Förderer des Obstbaues im badischen Lande — spricht in seinen, anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums als landwirtschaftlicher Wanderlehrer veröffentlichten Erinnerungen sich auch über die Fortschritte im Obstbau jenes Landes aus und daselbst heißt es u. a.:
„Und heute sind es Viele, die ihre Obstbäume düngen, während sie vor 15 Jahren an diese Arbeit nicht dachten oder deren Notwendigkeit stark bezweifelten."
Wir selbst können aus eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen, die wir in dem genannten Zeitraum in den verschiedensten Gegenden des Vaterlandes und außerhalb desselben, namentlich aber in Süd- und Mittel-Deutschland, dem eigentlichen Obstgarten des Vaterlandes, machten, das gleiche konstatieren.
Dieser Fortschritt ging mit noch vielen anderen auf dem fraglichen Gebiete Hand in Hand und ist wohl hauptsächlich einer besseren Einsicht in die Entwicklungs- Wachstums- und Ernährnngs- Gesetze unserer Pflanzen überhaupt zu verdanken.
Alles was lebt, was dazu noch wächst, Früchte Hervorbringen und sich ernähren soll, bedarf wohl der Nahrung.
Diese so naheliegende und doch lange Zeit in der Praxis ignorierte Wahrheit wurde endlich von den Obstzüchtern erkannt, und der Bauer, der ja gerne zu jedem Fortschritte sich entschließt, sobald er von dem wirklichen, praktischen Nutzen und der Rentabilität der Neuerung durch eigene Anschauung sichüberzeugt hat, hat auch hier nicht verfehlt, das alte Unrecht, das an den Bäumen verübt wurde, ein- znsehen und einer rationellen Ansicht der Dinge zu huldigen. Ja, in einer manchmal zu weit gehenden Freigebigkeit suchen Einzelne jetzt das begangene Unrecht an den Bäumen wieder gut zu machen.
Mit der bloßen Einsicht oder Anerkennung der Notwendigkeit einer Nahrungszufuhr zu unseren Obstbäumen ist jedoch der Sache noch lange nicht ausreichend gedient.
Es muß auch eine angemessene Zubereitungs- Weise und Auswahl der Nahrungsstoffe getroffen und eine vernünftige Diät eingehalten werden, wenn anders der Sache auf die beste Art und
Weise gedient und Mühe wie Aufwand verlohnt werden sollen.
Und gerade was diesen letzteren Punkt anbetrifft, haben wir besonders in Gegenden rauher, hoher Lagen und zugiger, naßkalter Thäler häufig schon eine Verkehrtheit wahrgenommen , auf die wir zwar jedesmal an Ort und Stelle aufmerksam gemacht und dabei auch mit Erfolg auf das Richtige hingewiesen haben, die wir aber denn doch, und gerade deshalb, hier zum Gegenstände kurzer Beleuchtung machen möchten, und zwar im wohlverstandenen Interesse aller praktischen Obstbaumzüchter.
Es darf mit Vergnügen konstatiert werden, daß auch in diesen Lagen, den lange Zeit geächteten Bann-Revieren des Obstbaues, dem Letzteren eine größere Aufmerksamkeit geschenkt, beziehungsweise ein reger Fleiß zugewendet wird.
Noch che der Herbst die Blätter färbt und zu Falle bringt, sehen wir häufig eifrige und strebsame Obstzüchter schon anfangen, die Baumscheiben ihrer Obstbäume zu lockern, ihnen den Tisch zu bereiten und denselben tüchtig einzuschenken.
Gut gemeint aber total verkehrt!
Und diese Verkehrtheit hatte sich auch bald gerächt, leider nicht bloß zum Schaden der Einzelnen, sondern auch zum Mißkredit des ganzen Obstbaues.
„Wir haben gepflanzt, gedüngt, gepflegt und gewartet — aber vergebens"; dieses ist das gewöhnliche Klagelied, das man häufig hört und leider dann auch das Wiegenlied, welches den eben erst erwachten Säugling wieder in den Schlaf einlullt.
Die Mißerfolge hatten eine natürliche Ursache, denn:
Ehe man an dem Obstbaume resp. dessen Scheibe im Spätherbste irgend eine Lockerungsoder Düngungs-Manipulation vornimmt, muß man ihn in solchen Lagen erst zur Winterruhe kommen lassen, d. h. man muß mit diesen Arbeiten abwarten, bis die Bäume das Laub verloren haben.
Der Baum soll nicht durch künstliche Mittel, wie Lockerung der Baumscheibe und Düngung,
