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Der Obstbau. 1890.

dem oder sonstwie überflüssigem Holz befreit j Himbeerruten schneidet man am Boden weg und werden; auch mache man sich von den jungen | tcifet von den diesjährigen Trieben, welche das starken Trieben Stecklinge. Flüssige Düngung 1 nächste Jahr Früchte tragen werden, 34 stehen, ist auch hier sehr angebracht. Die abgecrnteten j

IV. Kleine Mitteilungen.

In oberbayerischen Waldungen ist die Wonne aufgetreten. Nach einem Berichte derAi. N. N." sind ausgedehnte Waldungen im Staatsbesitze und ebenso Privatwaldungen im weiten Umkreise von Biünchen bereits vollständig vernichtet worden, und man fürchtet, daß bei neuem Auftreten der Nonne im kommenden Jahre die Zerstörung der Waldbestände eine noch nie dagewesene Ausbrei­tung annchmcn wird. Die Nonne, ein weißlicher, mit schwärzlichen Zackenbinden ans den Flügeln und rötlichem Leibe versehener Schmetterling (Nachtfalter) von mittlerer Größe, findet sich in einzelnen Exemplaren überall zerstreut alljährlich vor, ohne daß ihre Antvesenheit für gewöhnlich besorgniserregend ist. Im Jahre 1888 zeigte sich in den Waldungen des Reviers Schleißheim wieder eine auffallendere Vermehrung, so daß im Sommer 1889 Maßregeln gegen die stärkere Verbreitung ergriffen werden mußten. In dem letzten Jahre trat die Nonne aber nicht nur in den Schleißheimer Waldungen auf, sondern auch zu großer Überraschung in den 3 4 Stunden östlich und südlich von München gelegenen großen Fichtenwaldnngen des Ebersberger Forstes und der Bezirke Fürstenried, Perlach, Grünwald, Sanerlach, Hofolding rc. In diesen Bezirken sind schon Tausende von Hektaren mit den herr­lichsten Fichtenbeständcn vernichtet und eine drei­fach größere Fläche geht ihrem Untergange ent­gegen. Nach beiläufigem Überschläge sind schon gegen 6000 Tagwerk kahl gefressen. Alle Maß­regeln erweisen sich als unzureichend und erfolglos. Bei dem gegenwärtigen Stande der Vermehrung der Nonne ist das Schliinmstc zu befürchten, eine Waldverwüstnng, wie sie seit undenklichen Zeiten nur einmal eingetrcten ist, nämlich im Jahre 1862 in Ostpreußen. Dort begann mit dem Jahre 1852 ein furchtbarer Vcrhcerungszng der Nonne durch die Forsten von Ostpreußen. Am 24. Juli 1862 erschien im Nothebnder Forste dieser Schniettcrling auf einmal in unzähliger Menge, in wolkenartigen Massen einherzichend. In wenigen Stunden verbreitete er sich auch über die angrenzenden Bezirke, und ztvar in einer

solchen Menge, daß einige Häuser wie mit einer dicken Kruste von diesen Faltern überzogen schie­nen und die Oberfläche des Pillwungsees von den darin ertrunkenen Schmetterlingen wie mit weißem Schaume bedeckt war. Es war im Walde wie während des ärgsten Schneegestöbers. Gutsbesitzer ließen ganze Wälder niederbrennen. War der Bestand ein gemischter, so wurden von der Raupe immer erst die Fichten, dann die Kiefern angegriffen, die Hainbuchen aber stets gleichzeitig mit ersteren. Die übrigen Lanbbänme blieben verschont; dagegen wurden das Farnkraut und die Beerensträucher abgefresscn. Bäume, unter denen sich Ameisenhaufen (Formica rata) befanden, blieben vom Raupenfraß verschont. Bis znm Juni 1856 waren 10 000 Morgen Nadelholzbestand vollkommen, 6000 Morgen bei­nahe ganz kahl gefressen. Im Juli waren 16 364 Morgen Fichtenwald völlig vernichtet! Diesmal hatte die Raupe außerdem auch noch die Lanbbänme angegriffen, überhaupt alles, was Blätter oder Nadeln hatte, vernichtet. Von den kahlen Bäumen rieselten ununterbrochen, wie ein starker Regen, die Exkremente nieder und be­deckten an manchen Stellen 0 Zoll hoch den Boden. Hilfe gegen die Nonne ist nur von der Natur zu erwarten, aber nicht durch Witternngs- einflüsse; nur Krankheiten, Bazillen, Mikroben, nützliche Insekten wie Ameisen, Laufkäfer, die ihre Eier in die Raupen legen, dann Raub- und Mordwcspen, deren es Hunderte von Arten giebt, vermögen dem Übel zu steuern und eine Beendi­gung des Nonnenfraßes herbeiznführen. In Ost­preußen wurden die Raupen schließlich durch Vögel, die znm Teil ans weiter Ferne in dichten Schwärmen herbeieilten, mehr aber noch durch Schlupfwespen und andere Insekten vernichtet, welche plötzlich zu Millionen erschienen. In den verwüsteten Wäldern aber tauchte nun noch der Borkenkäfer auf. Als auch diese Plage erlosch, brach der Wind auf meilcnweitcn Strecken die abgestorbenen Forsten nieder und der Staat zahlte schließlich den Bauern noch Geld zu wenn sie nur das Holz Mitnahmen.

Eigentmn des Wii'rttenibergischcil Obstbau-Nerenis. Für die Redaktion: Pfarrer Gußinann, Gntenberg- Drnck der Ncreins-Kmhdrulllcrei in Stuttgart.