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Der Obstbau. 1890.

und taugt deshalb auf dieser Unterlage nur für stehend; Blätter klein, eilanzettlich, kurz zugespitzt, kleinere Formen. Sommertriebe schwach, hell- fast ganzrandig; Blattstiele lang, dünn; After- braun punktiert; Fruchtaugen abgestumpft, kegel- ! blätter linienförmig, förmig, hellbraun, Holzaugen spitzeiförmig, ab-

II. Praktischer Obstbau.

Winke zur Obsternte.

Bei der Ernte des Obstes werden so viele Fehler begangen und wird vielfach zum eigenen Nachteil so sehr gesündigt, daß es wohl ange­zeigt ist, auch hierüber einige Worte zu sagen.

Der Wert des Obstes hängt nicht allein von der geernteten Menge, sondern neben der Art der Sorte hauptsächlich auch von der Art und Weise ab, wie es geerntet, behandelt und auf­bewahrt wurde. Eine sachgemäße Behandlung des Obstes erhöht dessen Haltbarkeit und damit dessen Wert ganz beträchtlich. Die Haupt­fehler, welche beim Ernten des Obstes gemacht werden, sind folgende:

1) Man erntet das Obst häufig zu früh, man schüttelt die Äpfel und die Birnen von den Bäumen ehe sie reif geworden sind. Was nicht durch Schütteln heruntcrzubringen ist, wird mit Stangen heruntergeschlagen. Weil beim unreifen Obst der Stiel sich nicht leicht vom Zweige löst, werden die Zweigspitzen mit den Tragknospen und also ein Teil der Ernte des künftigen Jah­res im Unverstand mit heruntergeschüttelt. Alles zu früh geerntete Obst wird bald welk und ist lange nicht so gut, so schmackhaft und so halt­bar wie reif geerntetes Obst.

Man soll daher das Obst auf den Bäumen vollständig reif werden lassen und so lauge war­ten, bis die Kerne schwarz und die Baumblätter gelblich geworden sind, bis einzelne Früchte sel­ber fallen und alle andern sich mit der Hand durch Heben allein leicht abbrechen lassen.

2) Man erntet das Obst häufig, ohne die Bäume zu schonen.

Tafelobst muß mit Sorgfalt gebrochen, Most­obst kann geschüttelt werden. Nur sollen unter keinen Umständen, wie schon oben angeführt, die Zweigspitzen mit den Tragknospen fürs künftige

Jahr mit heruntergerissen werden. Auch soll man nicht mit Stangen dreinschlagen, die Leiter nicht in den Baum hineinwerfen und mit ge­nagelten Schuhen nicht auf dem Baum herum­klettern, weil hiedurch die Rinde des Obstbaums verletzt, der Baum schwer beschädigt und krebsig und krank werden kann.

Man nehme deshalb zum Obstbrechen und ! Schütteln eine genügend lange Leiter, deren Bäume an ihren Enden mit Leinwand umwickelt sind, und schiebe diese Leiter sachte in den Baum ! hinein. Ebenso sachte muß derjenige, welcher Obst brechen will, auf die Leiter und den Baum steigen, damit der Baum nicht verletzt und durch unnötige Erschütterungen das reife Obst nicht abgcschüttelt wird.

3) Das schönste, beste und sonst gut halt­bare Tafelobst wird häufig so roh, so wenig sorgfältig geerntet, daß es nur als Mostobst ver­wendet werden kann, während man solches Obst, wenn es sorgfältig geerntet und aufbewahrt wird, gut verkaufen und aus dem Erlös das doppelte und dreifache Quantum gutes Mostobst kaufen könnte. Wenn gepflücktes (gebrochenes) Obst haltbar bleiben soll, dann darf es selbstverständ­lich nicht geschüttelt, nicht vom Baume aus herunter­geworfen und nicht von einem Schurz, Korb oder Sack in einen andern geleert werden. Kurz: das gebrochene Obst darf keine beschädigte Stelle haben; sonst fault es und hält nicht. Das Ab­nehmen der Früchte soll nicht im Tau oder nach Regen erfolgen, naß abgenommenes Obst fault leichter und hält nicht so lange wie trocken ge­erntetes.

Wer Obst brechen will, der hänge einen kleinen Korb neben sich auf die Leiter, ergreife immer nur eine Frucht, hebe sie in die Höhe, drücke mit dem Daumen gegen deren Ansatzstclle