- 8 3 -
„. »9 Ein Schildtier, ^hacops latifrons Brown. (FoMÜ) ■ Ansicht des zusammengerollten Tieres von vorn. ■Meckel, •Kunslfnrmen der Natur'.
gefühlt wird. In beiden Fällenerscheinen die betrachteten Gegenstände wieQuel- len des Lichts, während
wir Gegenstände, auf welche Licht fällt und von ihnen zurückgeworfen wird, sofort von der Lichtquelle unterscheiden.« Möbius hat uns gezeigt, wie jede Erweiterung und Vertiefung unserer Kenntnisse von der äusseren Form, des inneren Baues, der Entwicklung und der Lebensweise einer Tierspezies neue Grundlagen schaffen für einen reichen ästhetischen Genuss derselben. Wer als Zoologe den Gestaltenreichtum aller Tierklassen, wer als Botaniker den der Pflanzen, als Mineraloge den der Kristalle aus eigenen Anschauungen kennen gelernt hat, dem l*t es vergönnt, am tiefsten in die Ge- heimnissedesZaubergartenseinzudringen. Wie dem Forschungsreisenden Afrikas der Kaufmann, so folgt dem Späher und Entdecker im Reiche der Naturdinge sicheren Schrittes der Künstler und empfängt zahlreiche Anregungen zu mannigfaltigen Verzierungen und Kunstwerken. Wenn dann beide, Forscher Mnd Künstler, sich vereinen, in schmackhafter Zubereitung uns die Früchte ihres Weisses aufzudecken, so dass also auch der Laie nach Mass und Ziel seines Könnens imstande ist, beides, am Born der Wissenschaft seinen Wissensdurst zu befriedigen und zugleich am Schönen *M* zu laben, der ist dann in eines der "ochsten Lebensstadien eingetreten: Ar beit und Genuss als identisch a "fzu fassen. Dankbar müssen wir darum besonders den Männern der Wissenschaft, wie z. B. Ilaeckel und M °bius, dafür sein, dass sie nicht nur das richtige Naturerkennen in weitere Kreise tragen, sondern uns auch ein- la den zu jenen geistigen und ästhetischen
Genüssen, die bisher fast ausschliesslich den Männern der Wissenschaft und — der Kunst vorbehalten blieben.
Wissenschaft und Kunst haben einander viel zu sagen. In einem Funkte unterscheiden sich aber, glaube ich Forscher und Künstler: in dem Grad des Anschauungsvermögens. Müheloser als der Forscher gelangt der Künstler dank seiner individuellen Veranlagung zum Ziel. Der Künstler bleibt beim Anschauen eines Naturdinges auf halbem Wege stehen; ohne sich gar zu weit wie ein Forscher in die Details der Formen zu verlieren, hat er das Ganze in seinen richtigen Verhältnissen erfasst, und seine Phantasie schafft weiter. Ja, Künstler von hoher Begabung können gar oft der Anschauung entbehren. So erzählt Böcklin, dass er Pflanzen und Blumen in einer gewissen Ahnung erfinde; nachdem haben ihm oft Botaniker gesagt, das sei diese oder jene Pflanze, von der er doch nie im Leben gewusst, noch sie gesehen habe. Oft sind die Künstler geradezu Entdecker. 1 )cß schönsten Beweis hat der amerikanische Maler ABBOTT II. TlIAYER geliefert. Viel Kopfzerbrechen hat den Gelehrten die Frage verursacht, warum die Tiere oben dunkel und an der Bauchseite hell gefärbt seien. Die alte aristotelische Schule schrieb die Erweckung der Tierfarben den Sonnenstrahlen zu und fand es ausserordentlich bequem, zu sagen, dass die Sonnenstrahlen, weil sie den Riicken bestreichen, denselben dunkler färben, während die Unterseite, namentlich in der Ruhelage, wenig oder gar nicht vom direkten Sonnenlichte getroffen werde und deshalb heller bleibe.
Dr. Erasmus Darwin,
der Grossvater von
io. Phucops latifrons.
Ansicht des zusammengerollten Tie
von tlcr linken Seite. Hacckel, -Kunstforiucn der Natur..
