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Wahrheit und Dichtung
aus der Blumen- und Pflanzenwelt
früher „Erfurter Unterhaltende Blätter“ Beilage zur Erfurter illustrierten Gartenzeitung.
Dieser Abschnitt bringt allerlei kleine Erzählungen, Gedichte, Märchen, Sagen und dergleichen, welche auf die Blumen- und Pflanzenwelt Bezug haben, ist
bestimmte iie verehrlichen Leser mit der ästhetischen Seite des Pflanzenreiches, des Gartenbaues, der Blumenpflege u. s. w. mehr bekannt und vertraut zu machen;
denn ohne Poesie und Sang kein rechtes Leben, ebenso auch bei der Pflege der Blumen und Gewächse nicht. Alles was zum Lobe der Pflanzen gesungen und erklungen
und zu ihrem Preise noch erzählt und gesungen wird, soll in „Wahrheit und Dichtung aus der Blumen- und Pflanzenwelt" einen Hort, eine liebende Heimstätte finden,
und alle, die ein Lied, eine Sage oder dergl. über Blumen und Pflanzen in Bereitschaft haben, auffinden oder zu deren Lob singen wollen, werden um gütige Ueber-
mittelung zwecks Veröffentlichung gebeten.
Eisblumen.
Nun herrscht des Winters starke Hand,
Der Sturm singt seine Weise;
An meinem Fenster aber blüh’n
Viel Blümelein von Eise.
Sie strahlen hell im Sonnenlicht
Wie Gold-und Silbeiprangen ;
In meinem Heim ist über Nacht
Ein Garten aufgegangen.
Und draussen schlummert alles sacht,
Fall’n leise weisse Flocken,
Und in mein Zimmer tönt herein
Der traute Schall der Glocken.
Ich aber träum’ bei ihrem Klang
Vom kiinft’gen Sieg der Sonne,
Wenn and’re Blumen herrlich blühn
Und uns winkt Friihlingswonne.
Haynau i. Schl. Paul Meitzer.
Die Gärten des Vaticans.
Von C. Sprenger, San Giovanni a Teduccio bei Neapel.
Glatt geschorene Steineichenhecken, zitroneu- und orangenbe¬
deckte hohe Mauern und sonnenglühende Pfade empfangen den Be¬
sucher der Gärten des Vaticans. Rechts vom aufsteigenden Wandel¬
pfade ist eine gewaltige Vetiefung angelegt nach Le Nötre’schem
System, mit Bassin, Fontaine, Arabesken, schnörkeligen Blumenbeeten,
einzelnen Cypresseu und Palmen. Sehr viel Orangen und Zitronen
in grossen Töpfen auf Postamente gestellt, die Einfassungen von Bux-
baum und Lavendel, dazwischen in den Beeten nicht gerade besonders
kostbare Florblumen, wie Verbenen, Nelken, Rittersporn, Veilchen
und Rosen, dann einzelne grosse Agaven und Eucalyptus globulus,
das Ganze wie von Festungsmauern eingefasst, tief ruhend, sonnen-
durchglüht, heiss, aber prächtig zum Wandern zur kühlen Jahreszeit,
wenn man Licht und Luft und Stille sucht. — Dann aber höher
hinauf , überraschen den Neuling die Wunder der päpstlichen Gärten
Roms und ihre unvergleichlich schönen Aussichten. Ob diese Feder
das alles im kleinen Rahmen schildern wird ? Dreifach sind die Gärten
Sr. Heiligkeit. Der Garten alter, längst entschwundener Zeiten, ein
Wald von Lorbeeren und Steineichen, Säulen, Statuen und Alter¬
tümern, dann der moderne Park und die Anlagen der letzten Päpste;
endlich die Obst- und Weingärten.
Hoch ragen der Lorbeer und die immergrüuen Eichen im
mittelalterlichen Parke empor, sie wölben sich zum undurchdringlichen
Laubdache hoch oben in dem blauen Aether, und kein Sonnenstrahl
dringt durch ihre Zweige. Sie ziehen über Hügel und Thäler, durch¬
quert von schönen, moosigen Wandelpfaden, an deren Seiten steinerne
Bänke und Sarkophage zum Ruhen still winken. Hermen, Obelisken,
Urnen, Säulenreste, antike Statuen, seltsame Sarkophage und Grab¬
denkmäler jeglicher Art stehen, stumme Zeichen einer fernen, traum¬
haft fernen Welt, in den von Unterholz fast freien Baumgruppen.
Auf den Bildwerken ruht der Staub der Zeiten; Moose und Flechten
umwuchern ihre Füsse, und sie, die Jahrtausende überdauerten, zaubern
auch heute noch den Ernst und die Würde, den Frohsinn und die
Trauer in das Menschenherz, ganz wie einst, als sie noch jung waren!
Wundervoll ist die Flora der Eichenhaine. Immergrün, Epheu, ein
Heer von Waldschattenpflanzen, Moose und Flechten umgrünen die
uralten Baumriesen, deren gnomenhaft knorrige Stämme das Mond¬
licht verdunkeln und die Dämmerung noch düsterer erscheinen lassen.
Man sieht sie nicht in der Nacht, denn sie sind dunkler als diese.
Im Frühling bedeckt ein gewaltiges Heer von violetten und purpurnen
Cyclamen den Waldboden, und gar mancherlei Kräuter, die einst
eine liebende Hand hierher getragen, erhielten sich durch die Jahr¬
hunderte und nahmen Besitz von diesen zaubervollen, Geheimnis
atmenden Gärten. Murmelnde Quellen, plätschernde, krystallklare
Wasser und eine fröhliche Vogelwelt beleben das ganze schöne, er¬
habene Bild, das greifbar dem träumenden, von Schönheit berückten,
Wanderer sich beut!
Blühende, sonnige Gärten, entzückende Baumgruppen, herrliche
Baumgestalten, Ruinen, schattenspendende Wandelgänge, Blumen
ohne Zahl umrahmen dieses uralte Paradies, und dem Wanderer
scheint es, als ob er plötzlich aus den Gärten eines Augustus nach
England versetzt würde. Schattende Platanen-Alleen, unvergleichlich
schöne Zedernhaine, Pinien, Pinus halepensis und insignis, immergrüne
Bosketts aus Laurus, Prunus Lauro-Cerasus, Magnolien, blühende
Oleandergebüsche, Myrten und Lagerstroemien und all die tropischen
und subtropischen Gewächse, welche die Gärten Italiens zieren,
empfangen den Neuling. Hier fallen ihm Koniferenhaine mit riesigen
Gynerien als Bodendecken auf, dort erblickt er staunenden Auges
massige Agaven, hochragende Cypressen, Pinus excelsa und zarte
Acacia Julibrissin, in deren hoch sich wölbenden Baumkronen, Finken,
Amseln und Lachtauben sich tummeln. Dann wieder blühende Yucca,
Dracaenen, Phönix; er geht dahin wie traumverloren im Anblicke
St. Peters und des gewaltigen Vaticans. Durch die Baumgruppen
leuchten bezaubernd klar die fernen und nahen Hügel, die, von
Gärten und Villen übersäet, alle Aussichten der Welt in den Schatten
stellen. Schmetterlinge gaukeln durch die unvergleichlich schöne
Pflanzenwelt. Strausse, seltsame Scharrvögel, Rehe und Hirsche, hier
frei, dort eingehegt, beleben die blühenden Gefilde. Hier bat der
Pabst sich eine Welt gezaubert, so schön, so unendlich schön, dass
er wohl die Welt da draussen entbehren kann. Ueberall sind Blumen
hineingestreut, es blüht und duftet in vornehmer Einsamkeit, denn
selten betritt eines ruhigen Pilgers Fuss diese, durch die Zeit
geheiligte Stätte. Schwer ist es, Zutritt zu erhalten, und wir wurden
von Pontius zu Pilatus geschickt, mein römischer Freund und ich,
bevor ich endlich vom Majordomus Leo des XIII. Erlaubnis zum Be¬
suche des Gartens erhielt. Auffallend schöne Alleen vou Robiuia
monophylla wie man sie wohl nur noch in Florenz sieht, zieren diesen
Garten. Diese Robinia ist das Ideal eines Alleebaumes. Ihre volle
etwas kegelförmige, fast eirund sich wölbende Krone bedeckt sich im
Mai mit Millionen kurzgestielter, wohlriechender Blüten, denen erst
später das schön entwickelte, lebhaft grüne Laub, das zur Herbst¬
zeit sich lange grün erhält, folgt. Auch Robinia Pseudo-Acacia
pyramidalis, eng gepflanzt, ist ein prachtvoller Alleebaum! Diese
Robinen bringen selten Samen!
In einem wonnigen Zedernhain, völlig versteckt und abgeschieden
liess Leo XIII. sich einen Pavillon errichten, in dem er ausruht von
seinen Spaziergängen und in völliger Abgeschiedenheit und allein
ungestört und unbelauscht sinnt, notiert und arbeitet. Höchst einfache
Möbel erblickt man durch die Glasthür, und die Fenster sind mit
grünem Tuch verhangen'
Des Papstes Freude sind die Weingärten, deren er mehrere
anlegte und selbst leitete. Der Weingarten Pius IX. ist verschwunden.
Diese Weingärten sind in der That mustergiltig gepflanzt und gepflegt,
und man sieht, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen sind, denn sie
strotzen von Gesundheit und sind vollbehangen mit schwellenden
Beeren. Es werden viele Tafeltrauben, aber auch Weintrauben,
gezogen, an Spalieren, an Borden, in Strauchform und an der sehr
langen, schönen nnd sauberen Pergola. Die Sorten welche hier
gezogen werden, blieben mir leider ein Geheimnis. Wundervolle